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Allgemeines

Interview Landrat Axel Lehmann

Spaß ist für Schiedsrichter wichtiger als das Geld”

Allgemein (hk). Im Kreishaus zu Detmold hat Lippe-Kick-Chefredakteur Henning Klefisch Landrat Axel Lehmann zum ausführlichen Interview getroffen. Neben Themen wie Überalterung der Bevölkerung, seine neue Aufgaben und seine politischen Ziele, hat er auch eine interessante Meinung zum lippischen Fußball. So wäre ein lippischer Oberligist ganz nach seinem Geschmack. Sport dient hervorragend zur Integration und Dr. Lehmann hat auch Vorstellungen, um das Schiedsrichteramt attraktiver zu machen.

Lippe-Kick: Sie sind seit mehreren Jahre politisch aktiv und haben sich dann entschlossen, sich um das Amt des Landrats zu bewerben, was in der Vergangenheit lange in SPD-Hand war und forderten dann den Amtsinhaber der CDU, Friedel Heuwinkel, der bereits 16 Jahre im Amt war. Als Sie angetreten sind, waren Sie sicher, dass Sie die Wahl gewinnen oder waren Sie selbst ein wenig überrascht?

Axel Lehmann: „Man tut sich das nicht an, wenn man nicht glaubt, dass man eine Chance hat zu gewinnen. Das ist schon ein ziemlicher Einsatz, der auch von der Familie und einem selbst erwartet wird. Da muss man zumindest so eine Karotte vor der Nase haben, wo man auch drankommt. Ich meine wahrgenommen zu haben, dass es eine Wechselstimmung gibt nach 16 Jahren. Dass Leute sagten, jetzt muss mal ein neues Gesicht her. Den Glauben an einen Erfolg hatte ich nie verloren. Insofern habe ich meine Chance auch gesehen.”

Lippe-Kick:„Das Amt hat sich sicherlich auch auf ihren Alltag ausgewirkt. Wie sehen ihre Freunde und Familie ihre politische Tätigkeit?

Lehmann: „Wenn die Familie das nicht unterstützen würde, ginge das gar nicht. Ich weiß, dass die Familie auch ein Stück weit darunter leidet. Ich habe keinen acht Stundentag und keine freien Wochenenden. Ich bemühe mich einen Tag der Woche frei zu haben. Insofern brauche ich die Unterstützung der Familie und bin dankbar, dass ich diese auch bekomme. Im Freundeskreis wird das uneingeschränkt positiv gesehen. Die haben mich unterstützt und tun dies auch weiterhin. Da gibt es keine Probleme.”

Lippe-Kick:Können Sie uns etwas zu ihrem beruflichen Werdegang sagen?

Lehmann: „Ich habe nach meinem Abitur im vergangenen Jahrtausend bei der Lippischen Landeszeitung volontiert und war eine Zeitlang als Redakteur dort tätig, musste meinen Wehrdienst ableisten und hatte die Gelegenheit, dies beim Radio Andernach zu tun, einem Radiosender der Bundeswehr, ich habe dort Radio machen gelernt, konnte dort weiterhin freiberuflich journalistisch tätig sein, erst für Radio Lippe, dann für den WDR. Parallel dazu habe ich studiert. Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik in Münster. Nach dem Magisterabschluss habe ich sieben Jahre für die Europaabgeordnete Mechthild Rothe als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet und wollte wieder schreiben und habe anfangs 2003 mein Pressebüro eröffnet, was ich bis zu meiner Wahl als Landrat betrieben habe. Politisch hatte ich mein erstes Amt als sachkundiger Bürger im Schulausschuss der Stadt Detmold, seit 1999 bin ich Mitglied des Kreisrates, seit 2001 stellvertretender Fraktionsvorsitzender, von 2009 bis 2014 stellvertretender Landrat, danach Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion und von 2004 bis jetzt Mitglied der Landschaftsversammlung des Landschaftsverbandes Lippe in Münster.”

Lippe-Kick: Es braucht immer eine gewisse Zeit, um sich neu in ein Amt einzuarbeiten. Wo waren für Sie die Schwerpunkte, die Sie setzen wollten, im Vergleich zu ihrem Vorgänger?

Lehmann: „Ich hatte einen großen Vorteil, dadurch, dass ich seit 1999 im Kreistag bin, bin ich in den Themen drin. Da musste ich mich nicht mehr großartig einarbeiten. Einarbeiten musste ich mich aber im Verwaltungshandeln, aber ich glaube, dass das ganz gut gelungen ist, dadurch, dass ich in allen Fachbereichen mal hospitiert habe. Andere Akzente möchte ich an mehreren Stellen setzen. Hier gab es ein Entwicklungskonzept im Haus, dass nie das Licht der Welt erblickt hat, sondern nur eine Ideensammlung war, wo es mit Lippe hingehen sollte. Das wollte ich gerne an den Start bekommen. Es freut mich, dass wir das tatsächlich hinbekommen. Der Kreistag hat die Leitziele verabschiedet und wird hoffentlich im Juli die konkreten ersten Maßnahmen im Zukunftskonzept verabschieden. Wir gehen eine ganze breite Liste von Themen an, von Digitalisierung bis zum Umwelt und Klimaschutz. Von Arbeit bis Bildung, von Mobilität bis zur Dorfentwicklung in Lippe.”

Lippe-Kick: Inwieweit wirkt sich die Landtagswahl mit der neuen Landesregierung für Sie auf ihre Arbeit aus?

Lehmann: „Das weiß ich noch nicht, weil es die Landesregierung noch nicht gibt. Aber ich fürchte, es wird nicht einfacher werden. Ich hatte die Hoffnung, dass wir eine ganze Reihe von Projekten, bei denen wir Düsseldorf einfach brauchen, unseren Abgeordneten da auch die Türen öffnen können, wie wir es in der Vergangenheit auch getan haben. Als Beispiel nehme ich das Thema Mobilität: Ich möchte ganz gerne einen großen ÖPNV-Modellversuch an den Start bringen, wie wir mobil bleiben können bei rückgängigen Bevölkerungszahlen. Das können wir nur, wenn wir Geld von Düsseldorf bekommen. Es gibt drei sozialdemokratische Landtagsabgeordnete, die sich sehr schätze, die aber nicht mehr den Zugang zu den Ministerien haben wie früher. Das macht es potentiell schwieriger. Ich werde sehr schnell zusehen, dass ich Kontakte nach Düsseldorf knüpfe und dass wir trotzdem das Geld nach Lippe kriegen.”

Lippe-Kick: Sie haben gerade die zurückgehende Bevölkerungszahl angesprochen, die für viele Bereiche ein Problem ist. Haben Sie konkrete Pläne, wie man auch die Überalterung, die besonders in den Randgebieten sehr stark bemerkbar ist, in den Griff bekommt?

Lehmann: „Das ist ein hochkomplexes Thema, aber das zentrale Thema schlechthin. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen der Arbeit folgen. Da, wo sie gute Arbeitsplätze finden, wohnen Sie auch, zumindest im Umfeld der Arbeitsplätze. Das bedeutet zunächst einmal, dass wir im Kreis Lippe eine gewisse Unternehmensfreundlichkeit an den Tag legen dürfen und wollen, um Arbeitsplätze zu sichern. Für das Kinderkriegen fühle ich mich nicht mehr so wirklich verantwortlich, aber da kommen viele Themen. Mobilität ist eines davon. Die Menschen müssen, wenn Sie in Barntrup oder Bösingfeld leben, relativ problemlos die Chance haben, nach Detmold oder Rinteln oder Hameln oder wo auch immer hinzukommen. Das andere Thema heißt, den Menschen recht lange zu ermöglichen, in den eigenen vier Wänden zu leben. Da sind wir bei Quartierskonzepten, Mehrgenerationenhäusern und ähnlichen Thematiken. Ich kann mir vorstellen, dass die Attraktivität von Dörfern auch davon abhängt, wie stark sie digitalisiert sind, wie die Breitbandverbindungen sind, was man alles über Internet machen kann, wofür man nicht mehr rausmuss. Familie ist ein ganz wichtiges Thema. Kitaöffnungszeiten, Kitagebühren. Es gibt kaum ein vielschichtigeres Thema als den demografischen Wandel.”

Lippe-Kick: Sie haben angesprochen, dass die Menschen gerade in den Randgebieten möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen wollen. Wie sieht die medizinische Versorgung dort aus. Es gibt zu wenig Ärzte, die auf dem Land bereit sind, ihre Praxis zu eröffnen?

Lehmann: „Ich glaube, wir müssen uns vom gängigen Landarztmodell ohnehin ein wenig verabschieden. Da findet man kaum noch eine Arztpraxis. Die Absolventenzahlen der Universitäten sind ohnehin zu gering. Medizin ist sehr weiblich geworden. Das finde ich gut. Gerade Frauen, sicherlich auch Männer, haben den Anspruch, Beruf und Familie unter einen Hut bringen zu wollen. Da braucht man verlässliche Arbeitszeiten. Die bekommt man nur, wenn man als angestellter Arzt arbeitet und nicht mit der eigenen Praxis 60, 70 Stunden in der Woche im Dorf XY. Was ist zu tun? Es ist ein ganzes Konglomerat von unterschiedlichen Ansätzen. Zunächst einmal vom Gesetzgeber her müsste die kassenärztliche Vereinigung die Versorgung aufrechterhalten. Das gelingt ihnen weniger. Da, wo ihr das nicht gelingt, meine ich, ist das eine Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge. Da haben wir als Kreis die Möglichkeit, mit Hilfe unserer Kliniken die so genannten medizinischen Versorgungszentren an den Start zu bringen, wo mindestens zwei Fachrichtungen vertreten sein müssen, wo Ärzte angestellt werden können. Das ist kein Allheilmittel, aber das wäre ein Punkt, den man nach vorne bringen könnte. Ich erhoffe mir einiges aus einer Gesprächsrunde, einem Arbeitskreis, den wir ins Leben gerufen haben, wo alle am Tisch sitzen. Das Klinikum, die kassenärztliche Versorgung, die Ärztekammer, das Ärztenetz und wir als Politik, als Verwaltung sitzen mit am Tisch. Wir erarbeiten Maßnahmen, wir wollen das möglichst gemeindescharf machen, weil die Notwendigkeiten und der Bedarf in den einzelnen lippischen Kommunen durchaus unterschiedlich sind.”

Lippe-Kick: Um jetzt neue Arbeitsplätze zu schaffen, benötigt man in Lippe sicherlich nötige Gewerbeflächen und eine entsprechende Verkehrsanbindung. Die ist in Lippe, wenn man an die Bahn denkt, nicht so gegeben. Auch Autobahnanbindungen sind doch relativ für größere Firmen weit weg. Was gedenken Sie zu tun, dass auch größere Firmen wie Phoenix und Weidmüller hier noch in Lippe sesshaft werden?

Lehmann: „Ich glaube nicht, dass sie gehen. Beide investieren in ihren Standorten. Das ist auch gut und richtig so. Ich werde jetzt nicht versuchen, eine Autobahn quer durch Lippe legen zu lassen. Ich hoffe, dass wir den Lipperländer elektrifiziert bekommen in den nächsten Jahren. Das würde einiges bringen. Ich möchte unser Kreisstraßennetz zumindest an den Punkten, wo sich der Verkehr staut und es ein wenig eng wird, weiterentwickeln, um solche Staustellen abzubauen. Viel mehr werden wir als Kreis nicht tun können, weil sonst andere Träger im Spiel sind, wie zum Beispiel Straßen NRW, die sich von uns nicht vorschreiben lassen, wo sie ihr Geld ausgeben und investieren. Wir sind natürlich mit ihnen im Gespräch und es wird auch das eine oder andere passieren, setze ich zum Beispiel auf die Umgehung von Barntrup, dass die bald kommt. Das ist nicht in unserer Hand als Kreis. Ich hoffe, dass wir im Personennahverkehr das eine oder andere verbessern und neue Wege gehen können. Stichwort: Multimodaler Verkehr. Das klingt etwas theoretisch. Gemeint ist damit eine Vernetzung verschiedener Verkehrsträger. Von Bahn über Auto, Bus, Fahrrad, Elektro und das Ganze möglichst in digitaler Begleitung, dass man weiß, wenn man nach Lippe kommt, kann man hier auf ein E-Auto umsteigen und da fährt der Bus, da hat man Fahrräder zur Verfügung, die man leihen kann. Auch dies ist ein komplexes Thema.”

Lippe-Kick: Kommen wir zum sportlichen Bereich in unserem Interview. Welchen Stellenwert hat für Sie der Sport in Ihrem Leben?

Lehmann: „Auch wenn es man mir heute nicht mehr ansieht, komme ich aus einer Sportlerfamilie. Mein Vater war lange Zeit im TuS Falke Berlebeck Vorstandsmitglied. Meine Mutter hat dort die damalige Damen-Fußballabteilung gegründet. Ich bin also mit dem Sport aufgewachsen. Ich versuche immer noch Sport zu betreiben. Ich habe 15 Jahre beim TuS Falke Berlebeck Fußball und Tischtennis gespielt, übe beides nun nicht mehr aus, versuche ab und an zu laufen, zu schwimmen. Das Allerwichtigste ist für mich aber das Skifahren.”

Lippe-Kick: Gibt es ein Team in Lippe, dem Sie die Daumen drücken?

Lehmann: „Natürlich den Sportfreunden Berlebeck/Heiligenkirchen, völlig klar. Auf Bundesebene bin ich in den 70er Jahren sozialisiert worden. Da war man entweder für Bayern München oder Borussia Mönchengladbach. Ich habe mich für letztere Variante entschieden.”

Lippe-Kick: Wie bewerten Sie den lippischen Fußball?

Lehmann: „Es könnte etwas besser um ihn bestellt sein, im Sinne von etwas höherklassigen Mannschaften. Das wäre schon schön, aber die lassen sich auch nicht backen. Was im Einzelnen falsch gelaufen ist, dass wir nicht so gut dastehen, wie es vielleicht möglich wäre, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich habe im Frauenfußball das Gefühl, dass es vorangeht. Vielleicht klappt das im Herrenfußball ja auch.”

Lippe-Kick: Sollte vielleicht die Wirtschaft noch mehr Geld investieren und sagen. Vielleicht sollten sie sich sagen: Wir wollen jetzt eine Mannschaft nach vorne bringen, auf Dauer vielleicht sogar in die Oberliga?

Lehmann: „Das wäre ein schönes Projekt. Da müsste man vielleicht sehen, dass man Leute dafür begeistert. Ich wechsle einmal die Sportart: Thema Handball. Volker Zerbe hat einmal gesagt: Geld wirft Tore. Auf Fußball kann man übertragen. Geld schießt auf Dauer Tore. Es ist auch ein Stück Überzeugungsarbeit. Da braucht man einen Idealisten, der sagt: Ich habe einen Bezirksligisten, nehme den, unterstütze den und mache daraus einen Oberligisten. Für Lippe wäre das eine tolle Geschichte. Bislang machen wir bundesweit eher als Handballregion von uns reden. Auch da ist es gegenwärtig schwierig, zumindest mit Blick auf den TBV. Ein fußballerisches Aushängeschild zu haben, wäre toll. Ob dann auch mehr Touristen zu uns kommen, weiß ich nicht. Das macht die Region ein Stück weit bekannter.”

Lippe-Kick: In welchem Maße kann Sport zur Integration gerade bei den Flüchtlingen beitragen?

Lehmann: „Da würde ich Sport eine sehr große Bedeutung beimessen. Viele Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind sehr jung, die meisten im Alter zwischen 20 bis 35. Sie haben alle einen natürlichen Bewegungsdrang und wollen etwas tun. Man kann sie über Sport, insbesondere über Mannschaftssportarten einbinden. Da lernt man Sprache und hier übliche Konventionen und hat gleichzeitig Spaß dabei. Kultur kann auch eine große Bedeutung haben. Sport ist für mich das Integrationsinstrument Nummer eins.”

Lippe-Kick: Wie bewerten Sie die Gründung von Spielgemeinschaften?

Lehmann: „Das ist ein notwendiger Schritt. Das fällt historisch schwer, weil es immer Rivalitäten gab, ob es nun Berlebeck/Heiligenkirchen war oder auch woanders. Man kennt das. Es sind immer weniger Leute, die Fußball spielen. Das nehme ich so wahr. Es gibt auch weniger Kinder, die nachwachsen. Das Sportangebot ist sicherlich breiter geworden, als zu dem Zeitpunkt, wo ich noch gekickt habe. Da war es selbstverständlich, dass man Fußball spielt. Heute hat man an Individualsportarten ein viel breiteres Feld. Damit umzugehen, bedeutet Grenzen zu überschreiten und sich zusammenzuschließen. Ob als Jugendspielgemeinschaft oder als Vereinsfusion, was häufig der zweite Schritt ist. Ich halte dies für notwendig.”

Lippe-Kick: Allgemein gibt es im Fußball einen Schiedsrichterschwund. Wie kann man dem entgegenwirken?

Lehmann: „Ich glaube, dass das ehrenamtliche Engagement schon ein paar Euro mehr verdient hätte. Ob dies aber das Schiedsrichterproblem löst, weiß ich nicht. Ich habe das Gefühl, es hat auch viel mit Akzeptanz zu tun. Was sich heute ein Schiedsrichter auf dem Sportplatz alles anhören muss, verlangt ein dickes Fell. Das hat nicht jeder. Ich glaube, dass der Spaß auf dem Platz für Schiedsrichter wichtiger ist, als das Geld. Das ist eine Frage der Gesprächskultur auf dem Fußballplatz.”

Lippe-Kick: Können Anreize geschaffen werden, um das Schiedsrichterwesen attraktiver zu machen?

Lehmann: „Ehrenamtliches Engagement wird immer häufiger von Arbeitgebern nachgefragt. Wenn es den jungen Menschen bescheinigt wird, sich über Jahre kontinuierlich engagiert zu haben, kann das persönliche und berufliche Vorteile bringen. Das kann auch das Schiedsrichteramt attraktiver machen. Geld ist nicht das Entscheidende. Bei uns in der Kreisverwaltung werden solche Dinge vermerkt.”

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