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Interviews

Borussia Dortmund U23 – Interview mit Chefcoach Siewert

Lippe-Kick unterhält sich mit BVB U23-Coach Jan Siewert über verschiedene Themen. Herausgekommen ist eine interessante Unterhaltung.

„Es ist eine Auszeichnung, hier arbeiten zu dürfen!“

Regionalliga West (hk). Lippe-Kick möchte zukünftig die West-Staffel näher beleuchten und hat sich vor dem Saisonstart mit Dortmunds Coach Jan Siewert zu einem Gespräch im Trainingszentrum in Dortmund-Brackel getroffen. Der Saisonstart ist aus BVB-Sicht geglückt. Nach einem 2:1-Heimsieg gegen den Bonner SC gab es ein Remis (2:2) im Spitzenspiel gegen den FC Viktoria Köln. Seit dem zweiten Spiel am 4. August warten die Dortmunder Youngster aber auf ihren dritten Saisoneinsatz.

 

Lippe-Kick: Hallo Herr Siewert, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Wie lief die Vorbereitung aus Ihrer Sicht?

Jan Siewert: „Die bisherige Serie verlief ordentlich und erfreulich, da wir schnell zusammengewachsen sind mit einer Mannschaft, die viele neue Spieler in ihren Reihen hat. Ein erfreulicher Fakt, da im zweiten Teil der Vorbereitung sieben Spieler mit zu den Profis in die USA gefahren sind. In den Einsätzen gegen Top-Mannschaften haben sie sich sehr gut präsentiert. Die Vorbereitung kommt unserem Ziel nah.“

Lippe-Kick: Auf welche Inhalte wird Wert gelegt?

Siewert: „Alles, was fußballerisch im Spiel von Belang ist. Technische, athletische und taktische Dinge, letztlich alles, was man für das Spiel braucht.“

Lippe-Kick: Einige Teams sehen Ihr Team auch als einen Mitfavoriten im Kampf um den Aufstieg. Wie ist ihre Zielsetzung?

Siewert: „Sie haben keinen Einblick bei uns. Wenn man 14 neue Spieler hat, muss man erst einmal eine gesamte neue Mannschaft zusammenstellen. Es ist schön, dass wir das hören. Unser Ziel ist es aber erst einmal, einzelne Spieler unseres Teams in die Profiabteilung zu bringen. Alles andere, wie zum Beispiel die Ergebnisse, wird man sehen.“

Lippe-Kick: Mittelfristig ist aber die 3. Liga ein Ziel?

Siewert: „Den Anspruch musst du immer haben, am liebsten aufzusteigen oder auch höher zu spielen. Aber man hat zuletzt auch gesehen, dass die zweiten Mannschaften wieder abgestiegen sind, wie zuletzt Mainz II und Bremen II. Es ginge dann sofort gegen den Abstieg. In der Regionalliga hat man auch mal die Möglichkeit, oben mitzuspielen. Das ist schon ein Unterschied in der Ausbildung.“

Lippe-Kick: Wie bewerten Sie denn die West-Staffel im Allgemeinen? Für mich ist sie die stärkste aller Regionalligen, wie ist ihre Meinung?

Siewert: „Das sehe ich genauso. Ich sehe viele Spiele aus anderen Regionalligen. Spielerisch und körperlich ist das hier eine gehobene Klasse. Wir haben jetzt gegen Mainz 05 II gespielt, eine Mannschaft, die auf den fußballerischen Aspekt ihren Wert legt. Wir haben 2:1 gewonnen, obwohl sechs Stammspieler gefehlt haben. Das war ein ordentlicher Vergleich auf einem guten Niveau.“

Lippe-Kick: Wir kommen nun zum Thema Aufstieg. „Endlich“ gibt es einen festen Aufstiegsplatz. Wie ist ihre Bewertung?

Siewert: „Meister müssen aufsteigen. Teams wie Wuppertal, Essen, Oberhausen und Viktoria Köln haben investiert. Das sind vier Mannschaften, die gefährlich werden können.“

Lippe-Kick: Warum RW Essen?

​Siewert: „Ich finde es gut, wie sie es in diesem Jahr mit der Kadersituation gelöst haben.“

Lippe-Kick: Ihre Vorgänger Daniel Farke und David Wagner haben den Weg nach England zu Norwich City respektive Huddersfield Town gewählt. Wann sind Sie reif für die Insel?

Siewert: „Ich habe erst vor kurzem ein Angebot aus England abgesagt, weil ich für drei Jahre in Dortmund unterschrieben habe. Das ist ein ganz klares Statement von meiner Seite aus gewesen. Mir gefällt es unheimlich gut hier. Mir macht die Arbeit mit den jungen Spielern sehr viel Spaß. Ich habe hier tolle Kollegen und es ist eine Auszeichnung, bei solch einem Verein wie Borussia Dortmund arbeiten zu dürfen. Ich bin nicht hier, um den Sprung woanders hin zu suchen.“

Lippe-Kick: Zum Thema Mythos bei Borussia Dortmund. Ein paar Worte zur Fankultur: Es gibt sogar eine eigene Ultravereinigung für die U23-Mannschaft.

Siewert: „Wir haben eine fantastische Fanbegleitung die ganze Saison übergehabt. Das habe ich bei einer zweiten Mannschaft noch nie so erlebt. Das sucht schon ihresgleichen. Davon bin ich begeistert.“

Lippe-Kick: Inwiefern hat sich die Disziplin bei den jungen Spielern verändert?

Siewert: „Es ist deutlich anders geworden. Die Eigenverantwortung hat abgenommen. Daran arbeiten wir ganz explizit. Den Spielern wird relativ viel abgenommen. Das Meiste, was man auf dem Fußballfeld macht, sind Entscheidungen zu fällen. Das muss man lernen. Wenn den jungen Spielern schon früh so viel abgenommen wird, fällt es ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen. Deswegen ist die U23 enorm wichtig, um die Jungs auf den Profibereich noch besser vorzubereiten auf den Profibereich.“

Lippe-Kick: Wie gehen Sie mit der Pünktlichkeit um?

Siewert: „Wenn einmal einer unpünktlich ist, dann war er das einmal. Danach passiert das aber nicht mehr.“

Lippe-Kick: Wie bewerten Sie den Umgang vom deutschen Fußball mit dem Amateurfußballbereich?

Siewert: „Es ist für viele Amateurvereine natürlich schwierig, da inzwischen immer irgendwo Fußball live im TV gesendet wird. Trotzdem gehen immer noch viele Leute auf die Sportplätze und schauen sich Spiele an, auch im Amateurfußball. Das hat etwas mit DFL und DFB zu tun. Ich glaube aber schon, dass es Bestrebungen vom DFB gibt, diese breite Basis zu halten. (Anm. d. Red.: einige Spiele der U23 von Borussia Dortmund finden parallel zur Profimannschaft statt).“

Lippe-Kick: Die Verzahnung zwischen der U23 und der Profimannschaft ist auch beim BVB wichtig. Nach unserem Wissensstand gab es ein Gespräch von Ihnen mit Lucien Favre. Was können Sie uns dazu sagen?

Siewert: „Zunächst einmal zolle ich ihm ein großes Kompliment. Es ist ein fantastischer Austausch mit Lucien Favre. Man sieht daran auch, dass er Taten folgen lässt. Er nimmt die Spieler mit und setzt sie auch ein. Ich bin jetzt im zweiten Jahr bei Borussia Dortmund. So intensiv war die Zusammenarbeit bisher noch nicht. Alle im Verein haben sich etwas vorgenommen und wir sind auf einem sehr guten Weg. In der vergangenen Saison war es nachvollziehbar, dass der Austausch nicht so intensiv sein konnte. Zwei Trainerwechsel, die schwierige sportliche Situation in der Bundesliga, da war es schwer, Spieler aus der U23 einzubauen. Wir hoffen, dass es wieder ein Spieler schafft, oben anzukommen. Das heißt für uns aber auch, dass wir auf Champions League-Niveau in der Regionalliga ausbilden müssen. Im Training ist das ein gehobener Anspruch, auch die Intensität hat damit zu tun.“

Lippe-Kick: Einige Punkte werden in der heutigen Spielergeneration kritisiert. So fehlen die Straßenfußballer, auch werden richtige Flanken vermisst. Woran bemerkt man das?

Siewert: „Das habe ich eben mit den Entscheidungen gesagt gemeint. Man darf den Spielern die Entscheidungsfreudigkeit nicht nehmen. Das bedeutet, wenn ein Spieler die Entscheidung fasst, zu dribbeln und ein offensives Eins-gegen-Eins zu suchen, bestärke ich ihn eher. Wenn er dann hängenbleibt, ist das eben so, das gehört zur Ausbildung. Und das können wir hervorragend. Dafür haben wir fantastische Möglichkeiten mit einer Videoanalyse, mit all den Tools, die es gibt. Ein Spiel entscheidet sich niemals in der Mannschaftstaktik, sondern immer in der Individualtaktik. Springe ich schneller als mein Gegner? Bin ich besser im Timing, wenn der Kopfball kommt? Das ist Qualität, aber auch Routine.“

Lippe-Kick: Wie stehen Sie zum Thema Ernährung?

Siewert: „Das fängt ja schon ganz früh im Jugendbereich an, von der U9 an. Bei uns steuern das die Athletiktrainer. Sie haben da einen guten Einblick. Wenn wir hier zweimal am Tag trainieren, wird gekocht. Die Jungs frühstücken gemeinsam, damit sie wissen, was sie zu sich nehmen. Es gibt für uns Richtlinien, dass die Spieler das Essen selbst zubereiten können. Das ist auch eine Eigenverantwortung, die ich zuvor angesprochen habe. Es ist ein Beruf und den muss ich in jeder Facette leben, um meinen Traum zu erfüllen.“

Lippe-Kick: In der Vergangenheit waren die Aufstiegsrunden in den Regionalligen immer interessant. Da stiegen aus jeder Regionalliga immer zwei Teams auf. Der Aufstiegsmodus hat sich verändert. Wie wird die zukünftige Entwicklung gesehen?

Siewert: „Die Meister müssen aufsteigen. Ich kenne die Zeit, in der ich als U19-Spieler schon in der vierten Liga mitgespielt habe, um in die zweigleisige Regionalliga aufzusteigen. Da gab es die drittklassige Regionalliga Nord und Süd, darüber die zweite und erste Bundesliga. Das Niveau insgesamt hebt sich. Das hat damit zu tun: Wenn ein Spieler von Borussia es nicht sofort schafft, in den Profibereich oder in die U21 übernommen zu werden, dann hat er im Rahmen von Borussia Dortmund eine hervorragende fußballerische Ausbildung genossen. Er muss sich dann irgendeinem anderen Verein anschließen. Meistens landen die Jungs in der Regionalliga, auch in der Oberliga, wenn sie den Seniorenfußball erst einmal kennenlernen müssen. Das heißt, die Ausbildung an sich wird besser. Die Jungs werden auf zukünftige Aufgaben besser vorbereitet.“

Lippe-Kick: Haben die Spieler, die sie in die Profimannschaft hochziehen, denn eine Chance, auf einem relativ hohen Niveau zu spielen, immerhin haben die Bundesligisten seit 20 Jahren nur selten die spanische Dominanz durchbrechen können.

Siewert: „Ich würde das nicht auf das Niveau reduzieren. Wenn man Real Madrid betrachtet, die dreimal in Folge die Champions League gewonnen haben, dann hängt das auch damit zusammen, dass sie sich Transfers leisten können, die wir uns nicht erträumen. Spieler wie Cristiano Ronaldo oder ein Karim Benzema sind für uns gar nicht mehr erschwinglich. Daher ist doch klar, dass Qualität gekauft wird, wenn ich etwa beispielhaft nach England zu Manchester City schaue. Wir haben ganz andere Voraussetzungen. Der Einzige, der aktuell noch etwas mithalten kann, ist Bayern München. Wir gehen in Dortmund den Weg der Ausbildung. Michael Zorc hat Champions League gespielt, kam aus der U23, Erik Durm ist Weltmeister. Wir haben einige Spieler wie Kerim Demirbay (1899 Hoffenheim; Anm. d. Red.), Daniel Ginczek (VfL Wolfsburg; Anm. d. Red.) und Marcel Halstenberg (RB Leipzig; Anm. d. Red.), die alle in der U23 gespielt haben. Daran sieht man unsere Qualität, was hier passiert ist.“

 

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