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Ex-Nationalkeeper Uli Stein im Interview

Über sein soziales Engagement für das Kinderhospiz in Bethel hat Stein ebenso gesprochen, wie über den deutschen Fußball, seine Ex-Vereine Hamburger SV und Arminia Bielefeld, aber auch die 50 + 1 Regel. Gewohnt meinungsstark präsentiert sich der 63-Jährige im Lippe-Kick-Gespräch.

„Gündogan und Özil waren ein Hemmschuh“

Charity-Golf-Turnier (hk). Am Sonntag, den 30. September 2018, fand auf dem Golf-Platz in Bad Salzuflen ein Charity Golf-Turnier statt. Der ehemalige Nationaltorwart Uli Stein hat die Organisation übernommen, einige Bekannte wie etwa Manfred Kaltz, Jochen Behle, Franke Sloothak und Thomas Stratos eingeladen. Die kompletten Einnahmen kamen dem Kinderhospiz in Bielefeld/Bethel zugute. Lippe-Kick hat Stein während des Turniers getroffen, mit ihm über seine sozialen Projekte, aber auch den Fußball gesprochen.

 

Lippe-Kick: Wir finden es großartig, dass Sie dieses Turnier veranstaltet haben, auch dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Was war Ihre Motivation, sich für solch ein Kinderhospiz einzusetzen?

Uli Stein: „Schon seit Jahren unterstütze ich das. Ich habe als Botschafter und Pate angefangen. In diesem Sommer habe ich mit der Neuen Westfälischen die erste Aktion gemacht, als ich während der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 eine Kolumne vor den Spielen der deutschen Mannschaft geschrieben habe. Es kamen leider nur drei zustande (schmunzelt). Gerne hätten wir ein bisschen mehr gemacht für das Kinderhospiz. Geld wollte ich dafür nicht haben, dafür aber eine schöne Spende für das Kinderhospiz. Zweimal bin ich da gewesen, habe mir das angeschaut. Es ist ein Traum, wie die das machen, die Kinder mitbegleiten. Es endet ja nicht nur mit dem Schlimmsten. Auch kommen Kinder wieder mit nach Hause. Die Kinder, die langzeitkrank sind, können mit ihren Eltern und Geschwistern dort eine Zeit lang leben. Auch werden die Eltern entlastet. Ebenso das Begleiten bis in den Tod. Es ist unglaublich, mit welcher Hingabe die Schwestern das Ganze begleiten und pflegen. Wenn man sieht, was die leisten, ist das traurig, dass die alle unterbezahlt sind. Mit so einer Hingabe sind sie dennoch dabei. Das ist faszinierend. Das muss man unterstützen.“

 

Lippe-Kick: Wie häufig veranstalten sie solch ein Charity-Turnier?

Stein: „Das ist das erste eigene, was ich mache. Sonst mache ich das ganze Jahr bei den Eagles Turniere. Wenn man so viel Glück im Leben hatte, so wie wir, dass man immer auf der Sonnenseite war, dann ist es schön, wenn man etwas zurückgeben kann. Die Idee hatte Herr Krieger, der Geschäftsführer vom Staatsbad. Er hat uns gesagt, dass er im nächsten Jahr drei Säulen machen möchte mit Sport, Gesundheit und Ernährung. In diesem Zusammenhang hat er mich gefragt, da Golf aktuell auch im Breitensport im Aufwind ist. Für mich ist das selbstverständlich, dass ich helfe, wenn ich weiß, für welchen Zweck das Geld zusammenkommt. Es war sehr knapp bei einer nur fünfwöchigen Vorlaufzeit. Für solch ein Turnier ist das schwierig, weil viele Promis, die ich eingeladen habe, schon Termine haben. Die Handballer, die ich einladen wollte, sind heute bei Sky unterwegs. Aus Hamburg kam keiner, weil heute Derby gegen den FC St. Pauli gewesen ist und sie selbst im Stadion waren. Einzig Manfred Kaltz ist gekommen. Berti Vogts hat gestern abgesagt. Er liegt im Bett und ist krank. Jan-Josef Liefers hat einen schweren Schicksalsschlag innerhalb der Familie. Er musste nach Berlin. Dann hoffst du bis zum letzten Tag, dass alle kommen.“

 

Lippe-Kick: Müssten Ihrer Einschätzung nach die Kinderhospize auch mehr von den Kommunen unterstützt werden?

Stein: „Das Kinderhospiz ist ein Teil von den Bodenschwingischen Anstalten. Die leben von den Spenden und dann wird auf die einzelnen Abteilungen verteilt. So tief bin ich nicht in dem Thema drin, ob ich weiß, ob sie genug kriegen. Über jeden Euro, den sie bekommen, sind sie dankbar. Daran sieht man ja, dass es nie genug sein kann. Das kostet ja richtig Geld, so etwas zu unterhalten. Wenn ich helfen kann, tue ich das gerne. Es ist schön, dass wir in der kurzen Zeit 22 Spieler hatten, die ihren Obolus bezahlen.“

 

Lippe-Kick: Jetzt haben wir noch einige Fragen zum Fußball. Sie haben ja lange Zeit in verschiedenen Vereinen in der Bundesliga gespielt. Wie hat sich insgesamt die Qualität der deutschen Torhüter verändert?

Stein: „Das Torwartspiel an sich ist ein bisschen anders geworden. Wir haben in Deutschland in jeder Ära super Torhüter gehabt, immer Weltklassetorhüter. Die Qualität hat sich nicht verändert. Das Torwartspiel aber schon. Heute muss jeder Torwart das spielen, was wir mit dem Hamburger SV unter Ernst Happel schon spielen mussten, mit der Viererkette. Ich habe schon damals so eine Art Libero spielen müssen. Da kannte das nur noch keiner. Deswegen waren wir damals in der Zeit auch so erfolgreich, weil damit keiner klarkam. Heute spielt jeder so. Es gab auch vor über 30 Jahren solche Torhüter, die so wie heute gespielt haben, nur nicht eben in der Masse.“

 

Lippe-Kick: Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der Rolle des mitspielenden Torwarts?

Stein: „Es hat nur Vorteile. Nachteile sehe ich keine. Selbst wenn man einmal in der Saison aus großer Distanz ein Gegentor kassiert, dann hat man vorher in vielen Situationen Vorteile. Wenn man etwa Bälle abläuft, wie eine Art Libero, viele Situationen vorzeitig entschärft. Das Verhältnis muss passen. Wenn ich mehr Bälle gerettet habe, als ich kassiere, dann passt das.“

 

Lippe-Kick: Sie waren bekannt dafür, dass Sie in jedem Spiel erhöhten Einsatz gezeigt. Sollten die Torhüter heutzutage besser geschützt werden?

Stein: „Heute haben die Torhüter es wesentlich besser als wir früher. Wenn ich sehe, auf welchen Teppichen sie das ganze Jahr spielen. Im Volksparkstadion haben wir ab Oktober auf der blanken Erde gespielt, weil kein Rasen mehr im Strafraum war. Heutzutage gibt es den Rollrasen, das ist alles schön weich. Die Torhüter haben es heute, was die Bedingungen angeht, zehnmal besser als wir früher.“

 

Lippe-Kick: Wie bewerten Sie es, wenn ein Torhüter Mannschaftskapitän ist?

Stein: „Das spielt keine Rolle, wer Kapitän ist. Bei uns war es so, dass wir innerhalb der Mannschaft eine eigene Hackordnung gehabt haben. Das hat damit zu tun, wer welche Leistung bringt, wer über die gesamte Saison konstant gut spielt. Der hat den Respekt der anderen Spieler. Dafür brauchst du keine Binde. Das regelt sich von ganz alleine.“

 

Lippe-Kick: Ist die heutige Spielergeneration zu sehr angepasst?

Stein: „Die sind nur angepasst. Du brauchst die Kommentare und Interviews gar nicht mehr hören. Jeder Journalist muss vor der Saison hingehen, macht ein Interview und diese Interviews kannst du nach jedem Spiel einsetzen, weil es immer wieder das Gleiche ist. Das sind vorgefertigte Sätze, die die Spieler eingeprägt bekommen. Da hat keiner mehr eine eigene Meinung. Ich finde es traurig, dass keine Typen mehr auf dem Platz sind.“

 

Lippe-Kick: In diesem Zusammenhang: Welche Meinung vertreten Sie zur Debatte rund um Mesut Özil, vielfach wurde darüber diskutiert. Die einen sind pro, die anderen kontra?

Stein: „Ich mache ihm überhaupt keinen Vorwurf. Gündogan ist wesentlich intelligenter. Der hat genau gewusst, was er macht. Bei Özil bin ich mir da nicht so sicher. Auch die Geschichte, die in den sozialen Medien nach der WM veröffentlicht worden ist: Ich sage, dass er bis heute noch nicht weiß, was da drinstand. Das haben die Berater für ihn geschrieben, auch mit diesen drei Etappen. Deswegen äußert er sich gar nicht dazu, weil er nicht argumentieren kann. Özil weiß gar nicht, was er sagen soll. Er spielt eine ganz armselige Rolle in diesem Spiel.“

 

Lippe-Kick: Ist Özil von den Medien nicht vielleicht auch falsch behandelt worden?

Stein: „Wenn er zu Anfang Stellung bezogen hätte, dann wäre während der WM und auch danach Ruhe gewesen. Dieses Totschweigen, überhaupt nichts dazu sagen. Damit nährst du die ganzen Dinge. Dann kommt solch eine WM und es ist nichts mehr zu halten. Wenn man die letzten zwei Jahre die Länderspiele von ihm gesehen hat, da war nichts mehr. Ich habe schon vor der WM gesagt: Gündogan und Özil brauchst du auch sportlich nicht. Die bringen dich nicht weiter. Wenn die gespielt haben, waren sie wie ein Hemmschuh. Sie haben das Tempo verschleppt, das Spiel langsam gemacht, dem Gegner die Möglichkeit gegeben, sich wieder neu zu formieren, immer mit zehn Mann hinter dem Ball zu sein. Ich habe auch nicht verstanden, was Joachim Löw für ein Narren an denen gefressen hat.“

 

Lippe-Kick: Kommen wir zu etwas Erfreulichem. Als ehemaliger Spieler von Arminia Bielefeld verfolgen Sie die Entwicklung der Arminia etwas genauer unter dem Trainer Jeff Saibene. Sollte Bielefeld mittelfristig mal wieder den Aufstieg in die Bundesliga anstreben?

Stein: „Sie spielen zuletzt immer an der Grenze zu den oberen drei, vier Plätzen. Letztes Jahr sind sie Vierter geworden. Warum nicht? Wenn es die Möglichkeit gibt und die Arminia so stark spielt, dass sie oben mitspielen, sind sie auch berechtigt aufzusteigen. Dieses Jahr wird der Aufstieg schwerer, das wäre letztes Jahr einfacher gewesen. Wenn man geschaut hat, wie ausgeglichen das letztes Jahr war. Selbst als sie Vierter waren, hatten sie sechs Punkte zum Dritten, aber auch nur sechs Punkte zum Relegationsplatz 16. Da war alles möglich. Im Moment ist alles eng zusammen. Die Einzigen, die etwas weiter weg sind, sind die Kölner mit 19 Punkten.“

 

Lippe-Kick: Ein interessantes Thema ist sicherlich die vielfach diskutierte 50 + Regel, an der weiterhin festgehalten wird. Sollte diese Regelung auf Dauer wegfallen?

Stein: „Auf jeden Fall. Es ist ungerecht, dass Mannschaften wie Wolfsburg von Volkswagen gesponsert werden, Hoffenheim von SAP, auch Bayer Leverkusen. Da sagt kein Mensch etwas. Wenn wir international mithalten wollen, man sieht es an England, wo Scheichs sich einkaufen und richtig Geld reinbuttern, dann läufst du eben international der Musik hinterher. Dann hast du in der Champions oder Europa League als deutsches Team keine Chance mehr.“

 

Lippe-Kick: Wie groß ist die Gefahr eines zweiten Hasan Ismaiks, der den TSV 1860 München in den finanziellen und sportlichen Ruin trieb?

Stein: „Man muss es ja nicht machen. Wenn sich ein Verein dazu bereit erklärt, dass dies der richtige Weg ist, warum soll man es dann nicht machen?“

 

Lippe-Kick: Das bedeutet mit Blick auf Arminia Bielefeld, dass Geldgeber in den DSC investieren sollten?

Stein: „Es besteht immer die Gefahr, wenn man zwei Jahre in Folge nicht aufsteigt, dass der Geldgeber sich zurückzieht und keine Lust hat, weiter zu investieren. Dann hätte man die heimische Wirtschaft vergrault und man könnte in ein ganz tiefes Loch fallen. Die Gefahr besteht schon. Das ist nicht ohne. Das beste Beispiel hatten wir mit 1860 München. Das ist aber nicht zu reglementieren. Das solle jeder selbst entscheiden. Grundsätzlich gilt aber, dass es zu viel Fußball gibt. Es gibt immer mehr Kommerz und der Sport gerät ins Hintertreffen.“

 

Lippe-Kick: Wir kommen mal zum Sportlichen: Die deutschen Mannschaften haben zuletzt international mehrfach gepatzt. Woran liegt das?

Stein: „Wir sind einfach zu schlecht. Die Leute erzählen immer von der besten Liga der Welt. Davon ist die Bundesliga ganz weit entfernt. Darunter leiden auch die Bayern. Sie haben in Deutschland keine Konkurrenz, werden nicht gefordert. Wenn sie spätestens ab dem Viertelfinale auf die großen Mannschaften treffen, dann reicht es nicht mehr, weil du nicht im richtigen Wettkampfmodus drin bist. Die Bayern sind in Deutschland zu weit weg. Die kann keiner mehr einholen. Vielleicht mal die Dortmunder, wenn sie konstant so eine Saison durchspielen, dass sie auch in der Champions League weiterkommen und die Einnahmen haben. Zurzeit sieht es an der Tabellenspitze ganz interessant aus. Die Frage ist nur, wie lange? Jeder würde sich mehr Spannung in der Bundesliga wünschen.“

 

Lippe-Kick: Was tippen sie als ehemaliger HSV-Kicker, wie lange die Hamburger brauchen, um wieder nach vorne zu kommen?

Stein: „Schwierig. Die finanziellen Mittel sind nicht so gut. Dem HSV geht es wirtschaftlich nicht so gut. Ich glaube nicht, dass sie sich finanziell noch einmal ein zweites Jahr in der 2. Bundesliga leisten können. Allein die Fernseheinnahmen sind deutlich geringer im Vergleich zur ersten Liga. Wenn du auf Dauer nicht unter den ersten drei Teams dabei bist, ist auch die Frage, ob das Zuschauerinteresse weiterhin so hoch bleibt. Ob dann noch 50.000 Zuschauer kommen, wenn du nur noch Fünfter oder Sechser bist, ist fraglich. Im ersten Jahr ist es etwas Neues. Die Fans wollen die Mannschaft unterstützen und sagen: An uns soll es nicht liegen, dass ihr nicht wieder rauskommt.“

 

Lippe-Kick: Jüngst wurde entschieden, dass die Europameisterschaft 2024 in Deutschland stattfindet. Ist das eine Chance für Deutschland?

Stein: „Wir haben die Chance 2006 gehabt, die wir gut genutzt haben, um uns vor der Welt wirklich positiv zu präsentieren. Jetzt hast du die Chance, das noch einmal zu bestätigen. Das von 2006 zu toppen, wird schwer. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir müssen den Leuten zeigen, dass sich nichts verändert hat, dass wir immer noch so sind wie 2006. Man muss auch abwarten, wie sich die Flüchtlingssituation bis dahin entwickelt. Im Moment ist das noch gar nicht abzusehen. Wir haben zumindest wieder die Chance, uns der Welt zu präsentieren, uns zu öffnen. 2006 haben wir das ja hervorragend genutzt.“

 

Lippe-Kick: Sind wir bis dato denn auch wieder sportlich zurück an der Spitze?

Stein: „Es wird schwer, aber wir haben viele gute junge Spieler. So einen Stoßstürmer haben die ganz großen Nationen auch nicht. Griezmann und Giroud sind eher spielende und flexible Stürmer. Bei uns macht es Kai Havertz gut. Er lässt sich unheimlich weit zurückfallen, lässt sich anspielen, ist im entscheidenden Moment vorne drin, ist dann wieder da, wo es gefährlich ist. Da taucht er immer wieder auf. Er ist ein Riesen-Talent. Neben Havertz haben wir noch Leroy Sane, Julian Brandt, Thilo Kehrer und Nico Schulz. Es sind Talente da, aber du musst sie auch mal spielen lassen. Du musst aufhören, auf die ganzen Alten zu setzen. Du musst die Mischung hinkriegen mit Jung und Alt.“

 

Lippe-Kick: Herr Stein, wir danken Ihnen für das Interview.

 

 

Fotos: links privat, rechts Staatsbad Salzuflen GmbH

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