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Schiedsrichter – Timo Franz-Sauerbier im Interview

Sauerbier gilt als ein Mann des klaren Wortes. Das beweist er auch im Lippe-Kick-Interview, in dem er sich zu verschiedenen Themen äußert.

„Es muss reagiert werden“

 

Allgemein (hk). Er ist Schiedsrichter aus Leidenschaft und stellvertretender Vorsitzender vom Kreisschiedsrichterausschuss (SVKSA) und Schiedsrichteransetzer in den Kreisligen C Lemgo. Familienvater Timo Franz-Sauerbier hat sehr aufmerksam die Vorkommnisse bundesweit und regional verfolgt. Auch in Lippe gab es immerhin zuletzt einige Emotionen rund um die Unparteiischen. Nun bezieht der 35-jährige Kalletaler Stellung zu verschiedenen interessanten Fragen.

 

Lippe-Kick: Wie viel Spaß macht es noch, Schiedsrichter zu sein?

Timo Franz-Sauerbier: „Hallo Henning, nach den Übergriffen auf Schiedsrichter, die in den letzten Wochen und Monaten vermehrt passiert sind, könnte man meinen, dass der Spaß verloren gegangen ist. Zum Glück musste ich persönlich so etwas noch nicht erleben und bin weiterhin mit Freude dabei. Nachdenklich machen mich diese Sachen, die da auf unseren Sportplätzen passieren aber schon. Es ist einfach ein super Hobby, wodurch man neue Leute kennenlernen kann. Man kann seine Persönlichkeit weiterentwickeln und ist auf dem heiligen grünen Rasen unterwegs. Dieses tolle Hobby wollen wir Schiedsrichter uns nicht kaputt machen lassen.“

 

Lippe-Kick: Gibt es Personen aus deinem Umfeld, die dich gefragt haben: Warum tust du dir das noch an?

 

Sauerbier: „Nein, mein Umfeld fragt eher, ob ich auch schon Fälle hatte, wo ich verbal oder körperlich angegangen wurde. Körperlich kann ich es zum Glück verneinen, das gilt aber nicht für alle Kollegen hier in Lippe. Es kam in jüngster Vergangenheit zwar nur zu wenigen Fällen, aber besorgniserregend sind die kurzen Abstände bei den Zwischenfällen. Da glaubt man schon, dass es sich vermehrt. Verbale Gewalt sollte auch mehr thematisiert werden. Mit dieser Art von Gewalt beginnt meist das Unglück. Der Sportplatz wird gerne als rechtsfreier Raum genutzt, wo Beleidigungen mehr oder weniger an der Tagesordnung sind. Hier muss sich unbedingt etwas ändern.“

 

Lippe-Kick: Wie war deine erste Reaktion, als du vom komplett abgesagten Spieltag in Berlin und/oder von der Prügelattacke in Münster erfahren hast?

Sauerbier: „Mein erster Gedanke war: ‚Das musste ja so kommen‘. Eine Attacke wie die in Münster ist absolut erschreckend. Ich glaube aber, dass die Gewalt im Amateurfußball nicht unbedingt mehr geworden ist in den letzten Jahrzehnten. Die Intensität ist aber definitiv eine höhere. Die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, ist immer niedriger. Dass nach solchen Vorfällen Schiedsrichter wie in Berlin auf die Barrikaden gehen und streiken, kann ich nachvollziehen. Es sollte immer das letzte Mittel sein, aber anders verstehen die beteiligten Vereine oder Spieler es anscheinend nicht. Ich hoffe, dass es bei uns nicht zu solchen Vorfällen kommt. Wir sollten die Abbrüche in Lage, Schötmar oder Schlangen usw. zur Warnung nehmen.“

 

Lippe-Kick: Leider, so scheint es, hat auch in Lippe der Respekt gegenüber Unparteiischen rapide abgenommen, wie in einigen LK-Spielberichten zu lesen war. Wie kann dieser negative Trend gestoppt werden?

Sauerbier: „Unzweifelhaft nimmt der Respekt stetig ab. Es kommt vermehrt zu Beleidigungen und auch Abbrüchen vonseiten der Schiedsrichter in letzter Zeit. Hier muss reagiert werden, bevor die Ausmaße so werden wie in Münster oder Berlin. Wir haben ja auch einen Austausch mit Bielefeld, wo unsere Schiris Spiele leiten. Dort hat sich die Lage nach einem gemeinsamen Austausch der Verantwortlichen etwas verbessert. Die letzte Saison dort war geprägt von Beleidigungen oder Anfeindungen und darauffolgenden Abbrüchen.“

 

Lippe-Kick: Wäre ein runder Tisch vielleicht erforderlich?

Sauerbier: „Ja. Analog zum Kreis Bielefeld sollte ein runder Tisch längst realisiert worden sein. In Detmold ist es immerhin konkret in Planung. Ich weiß nicht, ob sich der Respekt tatsächlich erhöht, das Rollenverständnis in jedem Fall.“

 

Lippe-Kick: Müssen noch mehr Spiele unbesetzt bleiben, um zu sehen, dass die Not im Schiedsrichtersektor groß ist?

Sauerbier: „Wenn sich die Zahl der Schiedsrichter in naher Zukunft nicht erhöht, bleiben Spiele definitiv unbesetzt. Ich versuche die C-Liga immer zu besetzen. Das gelingt mir aber nur noch durch Mehrfach-Einsätze meiner Kollegen am Wochenende. Allgemein muss ich sagen, dass endlich dafür Sorge getragen werden muss, dass das Hobby Fußball wieder attraktiver wird. Dann stellt sich sowohl bei Meldezahlen für Schiedsrichter, als auch von Vereinsmannschaften ein anderer Trend ein.“

 

Lippe-Kick: Einige Trainer argumentieren, dass sie ja keiner dazu zwingt, Schiedsrichter zu werden. Wie bewertest du diese Sichtweise?

Sauerbier: „Diese Argumentation – sollte es diese aus Trainersicht geben – trägt nichts zur Lösung der Problematik bei. Selbstredend ist niemand gezwungen, sich dem Hobby Fußball zu widmen, weder Schiedsrichter, noch Trainer. Daraus abzuleiten, dass man dann selbst Schuld sei, da man sich für die Rolle des Schiedsrichters entschieden habe, ist abenteuerlich.“

 

Lippe-Kick: Sollten sich vielleicht mehr Amateur-Schiedsrichter prominente Vorbilder suchen, wie du etwa Deniz Aytekin, der das hitzige Berlin-Derby in der Bundesliga exzellent über die Bühne gebracht hat?

Sauerbier: „Profi- und Amateurbereich gilt es strikt zu trennen. Sicherlich kann man sich vorbildhaftes Verhalten von den Profischiedsrichtern zum Vorbild nehmen, letztlich gilt es aber, authentisch zu bleiben.“

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