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Bezirksliga Staffel 3

RSV Barntrup – Der Landesliga-Coup

Lippe-Kick blickt auf magische Momente von lippischen Vereinen. Wie etwa den Landesliga-Aufstieg vom RSV Barntrup vor einem knappen Jahrzehnt. Die lebende Legende Henning Gelhaus wirft den Gedächtnisapparat an.

 

„Wir sind Freitag blind gefolgt.“

Bezirksliga 3 (hk). Wir schreiben das Jahr 2011. In Fukushima explodiert folgenreich das Atomkraftwerk nach dem Tōhoku-Erdbeben und dem Tsunami. In Tunesien startet der Arabische Frühling. In Fußball-Deutschland gibt es mit Borussia Dortmund einen anderen Deutschen Meister und mit dem FC Schalke 04 einen anderen DFB-Pokalsieger als Bayern München. Für einige Grundschulkinder ist vor allem Ersteres heute noch unvorstellbar. Auch in Fußball-Lippe passiert etwas Historisches. Der 29. Mai 2011 gilt wohl als größter Erfolg in der Barntruper Vereinsgeschichte, sichern sich die Roten Teufel den Sprung in den Fußball-Olymp. Sensationell packt das Team vom Trainerfuchs Guido Freitag den Landesliga-Aufstieg, sorgt somit für ein echtes Husarenstück.

 

Dieser Bericht wird präsentiert von:

 

 

Von Henning Klefisch

 

Lippische Fußball-Nostalgiker bekommen feuchte Augen, wenn sie auf das Tableau der Bezirksliga 3-Saison 2010/11 blicken. Neun Teams mit lippischen Wurzeln sind im 16er Feld aufgeführt. Neben den Himmelsstürmern aus Barntrup auch die fußballerischen Schwergewichte Post SV Detmold, SV Eintracht Jerxen/Orbke und TBV Lemgo. Dazu kamen nunmehr etablierte A-Ligisten wie der TuS Horn-Bad Meinberg, der SV Diestelbruch/Mosebeck, der VfL Lüerdissen und die Absteiger SSV Oesterholz und TuRa Heiden. Es gab also vor knapp einem Jahrzehnt Lipper-Derbys satt in dieser dritten Staffel. Ein echter Wermutstropfen und ein Indiz für den schleichenden Niedergang vom lippischen Fußball: Heutzutage sind es nur fünf Teams, die sich auf zwei überkreisliche Ligen verteilen. Für Nervenbündel war der letzte Spieltag in der Spielzeit 2010/11 nichts. Die Barntruper gingen mit vier Treffern Bonus im Vergleich zum punktgleichen FC Nieheim in die finale Runde. Nieheim hatte mit dem schon feststehenden Absteiger aus Oesterholz eine leichtere Aufgabe als die Freitag-Jünger vor der Brust, die es mit dem Tabellen-Dreizehnten aus Lüerdissen zu tun bekamen. Die Käse-Kicker besiegten die Oesterholzer mit 6:0, weshalb auch Barntrup klar triumphieren musste. Es war die Lieferzeit angebrochen, denn Lüerdissen wurde mit einem satten 5:0 aus dem Waldstadion geknallt. So werden sie es sich verzeihen, dass es am Ende „nur“ drei Tore Vorsprung waren, die man letztlich souverän ins Ziel rettete. Gelhaus entsinnt sich: „Uns war bewusst, dass wir alles raushauen mussten. Für schwache Nerven war das nichts.“

Junge Wilde in ihrer Sturm- und Drangphase

 

Die Mischung macht es. Ein Slogan, der stets und ständig Gültigkeit besitzt. Es gab schon damals alte Recken wie Nicolas Haase oder auch Gelhaus, aber auch viele junge Wilde, die mit den Hufen scharrten, ihre Sturm- und Drangphase auch auf dem Fußball-Platz auslebten. „Einen großen Anteil konnte sich unsere Jugendabteilung auf die Fahne schreiben. Mit Simon Schlingmann, Dennis Meier, Jakob Funk, Jannik Schalofski, Eduard Kryker, Edwin Esau, Oliver Sölter und Benedikt Hagemann hatten wir acht Akteure im Kader der 1. Mannschaft, die ihr erstes oder zweites Senioren-Jahr bestritten haben“, war Jugend forsch(t) bei den Nordlippern angesagt. Es gehörte natürlich viel dazu, um in dieser bockstarken Spielklasse sich zu beweisen, am Ende den begehrten Fahrstuhl nach oben zu nehmen. Henning Gelhaus sagt gegenüber Lippe-Kick, was die Zutaten für dieses Erfolgsrezept gewesen sind: „Historisch gesehen hatten wir beim RSV immer eine sehr gute Kameradschaft, aber solch eine Fokussierung auf den sportlichen Erfolg wie in dem Aufstiegsjahr hatten wir selten.“ Was er im Detail meint: „Gerade die jüngere Generation hatte einen unbändigen Ehrgeiz. Gepaart mit einer hohen
Trainingsbeteiligung sprang am Ende der Aufstieg in die Landesliga heraus.“ Der Hartplatz im Waldstadion war nicht unbedingt der Hot-Spot, der Sehnsuchtsort für Fußball-Liebhaber. Dennoch hatte dieser ungeliebte Untergrund durchaus seinen Anteil am Husarenstück: „Weiterhin war meines Erachtens ein kleines Puzzlestück zum Erfolg auch unser damaliger Ascheplatz. Von uns nicht geliebt, aber akzeptiert, von den Gegnern gehasst – war der Platz sicher ein paar Punkte wert.“

Knall-König und Braut-Führer stechen hervor

 

Bereits Bundes-Berti, Nachname Vogts, hatte vor, während und nach dem EM-Titel 1996 inflatorisch stets gepredigt, dass der Star die Mannschaft sei. Grundsätzlich gilt dieses gelebte Motto auch beim RSV Barntrup in der Aufstiegssaison, rühmt der Eintracht Frankfurt-Fan doch die „geschlossene Mannschaftsleistung“, die zum Erfolg geführt hat. Dennoch haben zwei Spieler ganz besonders aufgetrumpft. Der Routinier zählt auf: „Zum einen Bene Hagemann, der in diesem Jahr auch Torschützenkönig wurde. Mit ihm hatten wir den wohl damals stärksten Spieler der Liga in unseren Reihen.“ Er zählt die Qualitäten vom aktuellen Kicker aus der Landesliga Hannover, aktiv bei der Spielvereinigung Bad Pyrmont, auf: „Er ist beidfüßig, schnell, torgefährlich. Das konnte man sich schon gut anschauen.“ Was der aktuelle Spieler vom RSV Barntrup II ein klein wenig beklagt: „Schade, dass er mittlerweile bei einem Klub spielt, wo in der jüngeren Vergangenheit eher Formate wie Let’s Dance im Vordergrund standen.“ Nicolas Haase geht beim RSV Barntrup als „ewiger Kapitän“ in die Vereinschronik ein. Zugleich war der Dauerläufer auch der Brautführer von Gelhaus, der äußerst fasziniert von Haase ist: „Mit seinem auch heute noch idealem BMI (Body-Mass-Index), seiner Schnelligkeit, Technik und Spielübersicht war er der verlängerte Arm von Coach Guido Freitag.“

 

Freitag, der Taktik-Fuchs und Menschenfänger

 

Aufstiegs-Coach Guido Freitag gilt nicht nur qua seiner Lehrertätigkeit als exzellenter Kommunikator, als Spielerversteher, als Menschenfänger, der mit einer wohltuenden Empathie ausgestattet gewesen ist. Gelhaus erinnert sich: „Wenn Guido im Training selbst mitmachte, hatte er eine unfassbare Gabe, alle anderen Spieler gut aussehen zu lassen“, schmunzelt er, um sogleich die Fähigkeiten vom Taktik-Fuchs aufzuzählen: „Ein absoluter Fußballfachmann, sozial kompetent, ehrlich – einfach ein angenehmer Typ. Wir sind ihm damals blind gefolgt.“ So war Freitag der Trainer in Lippe, bei dem als Erstes die Viererkette funktionierte. Auch jetzt noch ist der Kontakt zu seinen ehemaligen Schützlingen nicht abgerissen, sind einige seinem Weg gefolgt, arbeiten als Trainer, holen sich Ratschläge, Tipps und Kniffe für dieses Business. Dass Freitag sieben Spielzeiten lang die Roten Teufel gecoacht hat, ist ein Zeichen für den Wohlfühlfaktor, den der Verein aus der rund 9.000 Einwohner-Stadt, nahe der niedersächsischen Landesgrenze beheimatet, verströmt hat. Solch ein legendärer Erfolg musste selbstredend auch episch gefeiert werden. Ebenfalls Feierbiest Henning Gelhaus kann dies bestätigen, gibt er mit freier Sicht auf die Aufstiegsfestivitäten zu Protokoll: „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Daher haben wir es natürlich krachen lassen. Nach einer Woche musste unser damaliger Schatzmeister allerdings die Reißleine ziehen“, hätte sonst vielleicht Peter Zwegat den Roten Teufeln einen Besuch abstatten müssen.

Andere Philosophie als die Aufstiegskonkurrenz

 

Am Ende liefen der RSV Barntrup und der FC Nieheim nachweislich punktgleich ins Ziel ein. Bis kurz vor dem Finish ist auch der TuS Erkeln noch ein hartnäckiger Rivale im Aufstiegskampf gewesen. Der C-Lizenz-Inhaber beweist Mitgefühl mit den unterlegenen Teams: „Besonders bitter war es natürlich für Nieheim, den Aufstieg um lediglich drei Tore verpasst zu haben.“ Der entscheidende Unterschied zu den Barntrupern, die von einem hohen Maß an lokaler Identität geprägt waren: „Sowohl Nieheim als auch Erkeln haben allerdings eine etwas andere Philosophie verfolgt. Ich weiß gar nicht, ob da überhaupt ein Spieler aus dem Ort stammte. Deren Kader waren aus allen Himmelsrichtungen zusammengekauft. Daher war es natürlich umso schöner, solchen Teams die Meisterschaft vor der Nase wegzuschnappen.“ Man hat den favorisierten Kontrahenten aus dem Höxteraner Umland ein Schnippchen geschlagen, wird diese Erinnerung unvergesslich sein, auch wenn Gelhaus nicht mehr täglich auf dieses Thema angesprochen wird. Seitdem hat sich die Welt kolossal verändert, auch Henning Gelhaus ist dies aufgefallen, wenn er mit Blick auf die kulturellen Unterschiede anmerkt: „Da fällt mir als Erstes die Musik in der Kabine ein. Ich bin für alle Musikrichtungen offen, aber was da gehört wird, ist Körperverletzung. Geht gar nicht“, werden die sensiblen Ohrmuscheln von ihm unchristlich malträtiert. Auch der Unterbau hat sich im letzten Jahrzehnt extrem verändert, sagt er zu dieser Thematik: „Ein weiterer Unterschied ist die Nachwuchsarbeit. Vor zehn Jahren konnten die Vereine sich noch über Nachwuchs aus den eigenen Reihen freuen und so die Abgänge kompensieren.“ Er liefert sogar ein konkretes Beispiel: „Wenn ich höre, dass wir im Fußballkreis Lemgo nächstes Jahr wahrscheinlich nicht genug Mannschaften für eine eigene A-Jugend-Kreisliga stellen können, stimmt mich dieses sehr skeptisch, wie in weiteren zehn Jahren der Fußballkreis Lemgo im Jugend- und Seniorenbereich aufgestellt sein wird.“ Im Hier und Jetzt allerdings liest sich die Lage vom RSV Barntrup – trotz des Fehlstarts in das Fußball-Jahr 2020 – durchaus positiv. Im vergangenen Sommer nach einem

einjährigen A-Liga-Intermezzo in die Bezirksliga 3 zurückgekehrt, haben die Barbarito-Boys immerhin jetzt ein Polster von sechs Punkten auf einen Abstiegsrang. Henning Gelhaus zeigt sich optimistisch, verkündet die frohe Botschaft via Lippe-Kick: „Das Team hat auf jeden Fall das Zeug zum Klassenerhalt. Schmerzhaft sind natürlich der Abgang von Kieren McCarthy und die langwierige Verletzung von Kevin Elsner. Aber ich gehe fest davon aus, dass die Truppe weiter Gas gibt und letztendlich auch den Klassenerhalt schafft – sofern die Serie überhaupt zu Ende gespielt werden kann“, steht dies noch in den Sternen inmitten der schlimmen und unabsehbaren Corona-Krise.

 

Steckbrief zum O-Ton-Geber

Name: Henning Gelhaus

Alter: 38 Jahre alt

Verheiratet. Zwei Kinder (7 + 8 Jahre)

Fußball: In erster Linie ist Gellhaus (Bild rechts mit Sohn Fynn) Jugendtrainer (E-Jugend RSV Barntrup).

Aktiv nimmt er noch bei den RSV-Altherren teil (in der Alt-Liga im Landkreis Hameln-Pyrmont). Unterstützend greift er allerdings auch in der RSV-Reserve mit ein.

Positionen: In jüngeren Jahren rechtes Mittelfeld, später bis heute Stürmer.

Größte Erfolge: A-Liga Meister, Bezirksligameister, Kreispokalsieger (alles mit dem RSV Barntrup).

 

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