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Historisch

Unvergessene Vereine – Türkgücü Lemgo

Ehemalige türkische Nationalspieler standen im Team, dazu viele brillante Fußballer. Türkgücü Lemgo war ein ganz besonderer Verein, wie sich Tamer Arici und Selcuk Güler erinnern können.

 

„Es war für uns eine Ehre, für Türkgücü zu spielen“

 

Unvergessene Vereine (hk). Das Vereinssterben ist schlimm, fast schon tragisch. In den letzten drei Jahrzehnten vom abgelaufenen Jahrtausend, da gab es noch eine Fülle an Vereinen. Wie auch Türkgücü Lemgo, das am 16. Juli 1971 in der Hansestadt durch den mittlerweile 87-jährigen Sabri Güler aus der Taufe gehoben wurde. In den ersten vier Jahren war es keine offizielle Mannschaft, galten die technisch beschlagenen Zocker als Kneipen-Kicker, als eine Art Hobbymannschaft, die zunächst locker kickten, sich ab dem Jahr 1975 dem TBV Lemgo anschlossen – unter dem Namen TBV Lemgo Türkgücü III. Schade. Seit mittlerweile 15 Jahren ist dieser Verein nicht mehr vorhanden, lebt nur noch vom Hören-Sagen und seiner bemerkenswerten Geschichte.

 

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Von Henning Klefisch

 

In der tiefsten Kreisklasse musste gestartet werden, ergaben sich im Laufe der Zeit unzählige Unterhaltungen mit Teams aus dem Umkreis der Hansestadt. Ex-Kicker Tamer Arici verrät: „So richtig hatten die Vereine keinen Bedarf uns aufzunehmen, weil wir kein eingetragener Verein waren. Vom TBV Lemgo wurden wir nur aufgenommen, weil wir damals viele gute bis sehr gute Jugendspieler in Lemgo und im Umkreis hatten, die in Vereinen wie in Brake, Hörstmar, Lage und Blomberg spielten.“ Auf den Gründungsvater Güler folgte der ausgesprochen beliebte Lehrer Mustafa Ertan Giray, der eine bemerkenswerte Mischung aus erfahrenen und jüngeren Kräften schuf, eine exzellent funktionierende Mannschaft entwickelte. Mit einem gewaltigen Bonus auf die Verfolger stiegen die Lemgoer mit 60 Zählern in das Kreis-Unterhaus auf. Eine stolze Bilanz, weiß man doch, dass es damals noch die Zwei-Punkte-Regel gab. Als Vorgeschmack auf Partien der Landesliga-Truppe vom TBV spielte die Drittvertretung im Vorprogramm, was für eine stattliche Zuschauerkulisse von im Durchschnitt 500 Schaulustigen sorgte. Frenetisch wurden die Shootingstar von den Fans bejubelt, honorierten diese doch die mutige und attraktive Spielweise. Ebenso andere Vereine zeigten sich regelrecht angetan von dieser fußballerischen Klasse, wie Selcuk Güler im Lippe-Kick-Gespräch verriet: „Auf einmal waren viele Vereine auf uns aufmerksam geworden und luden uns immer zu ihren Sportfesten ein und wo wir immer hinkamen, kamen unsere Fans in Scharen mit. Für die Vereine war es ein richtiges Dorffest und wir spielten als Lemgo Türkgücü alias TBV Lemgo III gegen sehr starke Mannschaften aus der Bezirksliga oder sogar Landesliga.“

 

„Türkische Supertechniker und deutscher Kampfgeist“

 

Es wurden Erlebnisse gefeiert, die man ein Leben lang nicht mehr vergisst. Ehemalige türkische Auswahlkicker wie etwa Kubilay Umay kamen aus der türkischen Provinz Adana Demirspor nach Lemgo. Auch Akteure wie etwa Zafer Özenir, İsmail Aydın, Bekir Kiratoglu, Selçuk Güler, Erol Deli und Tamer Arıcı gaben sich die Ehre. TBV-Macher Herr Kern und die sportliche Abteilung vom TBV Lemgo haben verlangt, dass viele Türkgücü-Kicker aufgrund ihrer fußballerischen Klasse auch in der Erstvertretung aushelfen sollten. Das Türkgücü-Team spielte nicht nur schön, sondern ebenso erfolgreich, gewann etwa den Konsulaten-Pokal, dies gleich zweimal. 1999 gelang sogar der enthusiastisch bejubelte Aufstieg in die A-Klasse. Von nun an war Lemgo Türkgücü e.v. selbstständig, trat nicht mehr unter der Flagge vom TBV an. Tamer Arici, der Kapitän und Sponsor zugleich war, atmet tief durch und sagt: „Somit waren wir nicht mehr gezwungen, unsere besten Spieler nach oben abzugeben wie insgesamt Selcuk Güler, Bekir Kiratoglu, İsmail Aydın, Erol Deli und Tamer Arici. Wir haben wegen der Abgabe der besten Spieler viele Aufstiege verpasst.“ Nach dem Sprung in die Lemgoer Elite-Kreisliga bestach Türkgücü durch einen dominanten und feingliedrigen Fußball, spricht Arici ehrfurchtsvoll von den „türkischen Supertechnikern und dem deutschen Kampfgeist.“

Freundschaftsspiele gegen Berlin Türkiyemspor und Arminia Bielefeld

 

Da es auch für engagierte und ambitionierte Übungsleiter ein echter Segen ist, solche Ausnahmespieler zu coachen, fanden sich schnell äußerst bekannte und renommierte Trainer wie unter anderem Mahir Cinet, Jimmy Ongley und Dieter van Dahlen, die das Team anleiteten. „Es gab natürlich viele Höhen und Tiefen, auch Kurioses, aber darüber brauchen wir nicht so zu sprechen”, sagt ein lächelnder Güler. Ein offenes Geheimnis, was der Verein im Nachhinein wohl am liebsten wieder rückgängig machen würde: Bei einem Spiel im Kampf um den Klassenerhalt in Hörstmar setzte Türkgücü einen nicht spielberechtigten Akteur ein. Man gewann dieses wichtige Match zwar, doch musste die bittere Pille schlucken, in die B-Klasse abzusteigen. Gastronom Arici, Besitzer der Lemgoer Lokalität „Arena”, trägt diesen Verein auch weiterhin ganz fest in seinem Herzen, wenn er offenbart: „Für uns Spieler war es eine Ehre, für Türkgücü Lemgo zu spielen. Wir haben auch gegen den Traditionsklub Berlin Türkiyemspor und gegen die Profis von DSC Arminia Bielefeld Freundschaftsspiele ausgetragen.“ Der Kontakt untereinander ist nie abgerissen. Im abgelaufenen Jahr gab es die große Wiedersehensfreude im Restaurant Arena von Tamer Arici. Sogar aus der Türkei reisten einige Fußballer an. Der Kicker und Geschäftsmann berichtet bei Lippe-Kick mit einem Strahlen im Gesicht: „Es war ein sehr schöner, gelungener Abend mit viel Gesprächsstoff.“

 

 

Bild- und Textquelle: Tamer Arici und Selcuk Güler, Lippe-Aktuell.

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