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Thomas Helmer im Lippe-Kick-Doppelpass

Ostwestfälische Wurzeln hat Ex-Nationalspieler Thomas Helmer, der immer wieder gerne auch nach Lippe zurückkehrt. Lippe-Kick hat sich mit ihm über unterschiedliche Themen unterhalten.

 

„Die Kinder müssen weg von der Play-Station, Spaß am Kicken haben!“

 

Allgemein (hk). Schmunzelnd darf man einleiten: Wer Thomas Helmer nicht kennt, der hat den Fußball nie geliebt. Europameister 1996, im selben Jahr UEFA-Pokal-Sieger mit dem FC Bayern München, mit dem er auch dreimal die Meisterschaft (94, 97, 99), einmal den DFB-Pokal (98) und zweimal den DFB-Ligapokal (97, 98) holte. Mit Borussia Dortmund errang er 1989 den deutschen Pokal, wenige Wochen danach den DFB-Supercup. Der deutsche Nationalspieler blieb auch nach der aktiven Karriere dem Fußball treu, war ab der WM 2002 in Südkorea und Japan als TV-Moderator unterwegs. Dort arbeitete er für Sat.1, später für Sport1. Seit August 2015 moderiert er den Sport1-Doppelpass. Zugleich weiß der gebürtige Ostwestfale, wo er herkommt, stattet er seiner alten Heimat regelmäßig einen Besuch ab. Lippe-Kick-Reporter Henning Klefisch hat sich mit dem 55-jährigen Familienvater unterhalten.

 

Dieses Interview wird präsentiert von:

 

Lippe-Kick: Corona hat die ganze Welt kräftig durchgeschüttelt. Inwieweit erfährt der Fußballsport dadurch eine Veränderung?

 

Thomas Helmer: „Die Veränderung ist offensichtlich. Ohne Publikum hat es sich ja schon verändert. Wieder mit Publikum zu spielen, das ist schwierig, ein ganz weiter Weg.“

 

Lippe-Kick: In einigen osteuropäischen Ländern geht das doch auch?

Helmer: „Wenn ich mir jetzt das Stadion in Dortmund vorstelle. Da sind dann 5000 Zuschauer drin, anstatt 80.000. Macht das einen großen Unterschied im Vergleich zu null Besuchern? Die Dortmunder leben doch auch von ihrer Südtribüne. Im Moment halte ich das für sehr problematisch und gewagt. Jetzt kommen alle aus dem Urlaub zurück. Das ist sowieso eine schwierige Zeit. Ich würde es mir natürlich so schnell wie möglich wünschen, aber ich weiß nicht, ob das so einfach ist, wieder die Leute ins Stadion zu lassen. Meine Bitte: Nicht leichtsinnig werden! Bei aller Liebe.“

 

Lippe-Kick: Der berühmte Uli Hoeneß predigte ja einst 2007 auf der Mitgliederversammlung des FC Bayern München, dass die VIPS auch aus finanziellen Gründen äußerst wichtig seien. Vor allem könnten doch die Vereine auf die Einnahmen aus den Logen angewiesen sein.

Helmer: „Ich glaube schon, dass allgemein die Vereine natürlich auf die Zuschauereinnahmen angewiesen sind. Es werden dann ja auch Trikots gekauft, es wird gegessen und getrunken. Da hängt einiges davon ab. Das gilt für fast alle Vereine. Natürlich auch für Schalke. Sie sind ein total populärer Verein, sie haben hinter Bayern München die meisten Mitglieder in Deutschland. Das ist jetzt kein Verein, über den man sagt: „Das tut keinem weh.“ Ich verstehe Schalke, wenn sie sagen: „Wir möchten gerne wieder vor unseren Fans spielen. Die brauchen wir.“ Da kann man eigentlich alle Mannschaften aufzählen. Die Zuschauer fehlen allen extrem. Wir können viele Sachen aber nicht tiefer beurteilen, sind dafür zu weit weg. Ich freue mich, wenn die Stadien wieder voll sind, alles wieder normal läuft.“

 

Lippe-Kick: Dadurch, dass das Geld weniger wird, könnte bei vielen Mannschaften vielleicht ein Umdenken einsetzen, dass wieder mehr auf die eigene Jugend gesetzt wird?

 

Helmer: „Das ist grundsätzlich natürlich gut. Dass man wieder zur Vernunft kommt, nicht weiterhin so viel Geld ausgibt. Ob das auf Dauer so funktioniert, weiß ich natürlich auch nicht. Man darf die jungen Spieler nicht zu sehr unter Druck setzen. Schaffen die das? Das ist ein Balanceakt. Den Nachwuchs zu fördern, ist richtig. Doch da muss man denen auch die Chance geben, zu spielen, sie nicht nur im Kader haben. Wer traut sich so etwas? Oft ist so etwas nur gezwungenermaßen, weil das der eine oder andere Verein machen muss. Für die jungen Spieler ist das gut. Man darf von ihnen aber auch nicht zu viel verlangen, finde ich. Dieser Spagat ist auch wieder da. Das ist nicht ganz so einfach. Grundsätzlich bin ich ein Befürworter, sage: „Lasst die Jungen spielen, lasst sie laufen, lasst sie etwas machen.“

 

Lippe-Kick: Nun zu einem hochaktuellen Thema: Ex-Nationalstürmer Sandro Wagner hat im Alter von nur 32 Jahren seine Karriere beendet. Über Marcell Jansen sagte Rudi Völler einst in diesem Zusammenhang: „Er hat den Fußball nie geliebt.“ Stichwort: Höwedes, Schürrle, auch Wagner, vielleicht bald ebenfalls Großkreutz. Ist das die richtige Entscheidung, in dem Alter aufzuhören?

 

Helmer: „Ich kann nur von dem Standpunkt aus sprechen, wie ich es empfunden habe oder empfinden würde. Ich würde immer so lange spielen, wie es geht. Es sei denn, es geht wirklich nicht mehr. Klaus Toppmöller wollte mich damals zum 1. FC Saarbrücken holen, ich hätte unter Ralf Rangnick auch zum VfB Stuttgart wechseln können. Zu meiner Zeit gab es schon Optionen. Ich weiß nicht, wie es heute ist, gerade in der aktuellen Zeit. Wenn ich mir einen Sandro Wagner vorstelle, beim Hamburger SV könnten sie den gut gebrauchen. Es geht ja nicht darum, dass sie noch Geld verdienen wollen. Vor allem ist der sportliche Aspekt wichtig. Heute ist allerdings ein anderer Fußball als früher, viel athletischer. Wenn André Schürrle mit seinem Körper ein Problem hatte, verstehe ich das total. Aber Schürrle hat 2014 das entscheidende Tor zum Weltmeistertitel vorbereitet. Da frage ich mich: Willst Du es nicht noch einmal versuchen? Das kann aber nur er beantworten.“

 

Lippe-Kick: Was ist mit Mario Götze, der ja aktuell ohne Klub dasteht? Vereine aus den südlichen Gefilden sind ja im Gespräch. Reicht es auch für die großen Teams oder wäre er bei einem Verein der Kragenweite von Sampdoria Genua besser aufgehoben?

 

Helmer: „Nein, das wäre viel zu negativ. Er muss einfach nur permanent spielen. Er hat durch sein Bankdasein nicht mehr den Rhythmus. Den Frust muss er jetzt schnell loswerden. Bei Mario kann ich mir das gut vorstellen, dass er noch einmal voll angreift. Allerdings darf man seine schwere Krankheit nicht vergessen. Man weiß nie, wie schwer ihn das beeinträchtigt. Vom Fußballerischen hat er alle Möglichkeiten, auf jeden Fall. Er ist ein netter Typ, hat nie auf dicke Hose gemacht, ist intelligent. Er sollte es noch einmal versuchen. Es muss allerdings passen. Das ist keine leichte Entscheidung. Wenn er in der Bundesliga bleibt, dann etwa zu Hertha BSC wechselt, damit tut er sich keinen Gefallen. Ich weiß allerdings nicht, was ich ihm raten würde. Ich bin nicht sein Berater.“

 

Lippe-Kick: Wir kommen zum Thema Europa League-Auslosung. Sie haben das berühmte Franz Beckenbauer-Zitat verwendet, in dem Sie – zitierend – die Euro-League als „Cup of Losers“ titulierten. Waren Sie über die Reaktionen überrascht?

Helmer: „Ich frage mich auch heute noch: Waren alle sauer, weil ich Franz Beckenbauer zitiert habe? Erst wollte ich das noch erklären, aber dann habe ich das sein lassen. Es ist nicht mein Zitat. Wir haben uns 1996 darüber gefreut, dass wir den UEFA-Cup gewonnen haben. Das war eine echte Herausforderung. Beim FC Barcelona, im Camp Nou, muss man erst einmal mit 2:1 gewinnen. Dazu muss man im Finale auch Girondins Bordeaux in zwei Spielen schlagen. Da spielten Stars wie Zinedine Zidane, Christophe Dugarry und Bixente Lizarazu mit. Wir traten damals mit einer ganz jungen Truppe an. Dietmar Hamann und Markus Babbel waren damals noch nicht so alt, Marcel Witeczek und Dieter Frey auch nicht. Für uns war das etwas ganz Besonderes. Ob Franz den Titel gemocht hat oder nicht, wir haben uns gefreut.“

 

Lippe-Kick: Was könnte Beckenbauer damit gemeint haben?

 

Helmer: „Beckenbauer wollte damit zum Ausdruck bringen: Der Anspruch des FC Bayern München ist Champions League. Wir sind 1995 nur Sechster geworden, in den Europapokal hineingerutscht, weil Borussia Mönchengladbach den VfL Wolfsburg im DFB-Pokalfinale bezwungen hat. Der Triumph ist ja auch mittlerweile 24 Jahre her.“

 

Lippe-Kick: Wir kommen zum lippischen Fußball. Sie sind an der Grenze in Herford geboren, haben in Bad Salzuflen Ihr Abitur gebaut. Wie sind die Erinnerungen an die damalige Zeit?

Helmer: „Beim TuS Bad Salzuflen habe ich angefangen, später dann für den Sportclub Bad Salzuflen gespielt. Da habe ich meinen A- Jugend-Trainer Karl-Heinz „Haka“ Dick kennengelernt, der weiterhin unvergessen ist. Leider ist er erst kürzlich verstorben. Wir haben uns immer mal wieder in Bad Salzuflen in seinem Partykeller getroffen mit bis zu zehn Leuten aus der damaligen Zeit. Wir reden über alte Zeiten, essen ein wenig, gucken nebenbei ein bisschen Fußball. Das war immer sehr schön. Als Senior habe ich dann in der Landesliga unter anderem mit Erich Gnade im Angriff zusammengespielt. Erich ganz vorne und ich etwas versetzt dahinter. Ich habe im offensiven Mittelfeld gespielt. Ich erinnere mich noch an ein Spiel in Beelen, das haben wir 5:3 auswärts gewonnen. Ich habe vier Tore gemacht, Erich erzielte das fünfte. Erich Gnade war ein super Kicker. Ein Stürmer, der sich immer voll reingehauen hat, einen richtig guten Torinstinkt hatte. Bruder Kurt Gnade besaß damals den Kings Pub, eine Kneipe, da waren wir als Jugendliche auch ganz oft, haben unter anderem Skat gespielt. Als ich vor rund zwei Jahren in Bad Salzuflen beim AOK-Lauf war, da stand Kurt Gnade neben mir, meinte: „Komm mal wieder vorbei, in den Lohhof.“ Unvergessen: Wir waren damals mit unserer Clique auf Ibiza und auf Mallorca.“

 

Lippe-Kick: Wie ist aktuell der Kontakt in die alte Heimat?

Helmer: „Durch den Tod von „Haka“ ist das natürlich ein bisschen weniger geworden. Mein Freund Achim Kitt, wir haben zusammen beim SC gespielt und mein Freund Matthias Kleineidam – wir haben zusammen Abitur gemacht – wohnen auch noch in Bad Salzuflen. Wir wollten eigentlich in diesem Jahr 35-jähriges Abi-Treffen machen, aber dann kam Corona. Aber nicht zu vergessen: Ich war letztes Jahr Gesundheitsbotschafter, dieses Jahr bin ich Markenbotschafter von Bad Salzuflen – dank Stefan Krieger – und es ist nicht nur eine große Ehre, sondern macht auch wahnsinnig viel Spaß!”

 

 

Lippe-Kick: Warum schafft es denn keine lippische Mannschaft höherklassig zu spielen, immerhin ist doch in Ostwestfalen-Lippe die Wirtschaft relativ stark?

Helmer: „Es ist immer schwierig über Geld zu reden, aber grundsätzlich geht das über diese Schiene. Arminia Bielefeld hat das gut vorgemacht. Mit dem Bündnis-OWL, mit dem neuen Geschäftsführer Markus Rejek, der es geschafft hat, die ganzen Mittelständler zusammenzukriegen, dass sie zusammenhalten. Sie haben das Stadion entschuldet. Das ist genau der richtige Weg. Das ist natürlich nicht auf Bad Salzuflen oder Lippe eins zu eins zu übertragen. Grundsätzlich kann ich mir so einen Weg gut vorstellen. Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie gut die Trainerausbildung in Lippe ist. Das spielt auch eine große Rolle. Wir haben vorhin über den Nachwuchs gesprochen, die Jungs zu fördern, überhaupt die Kinder wieder zum Fußball zu bringen. Weg von der Play-Station. Dass sie wieder Spaß und Erfolg haben, zu kicken. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht ganz genau weiß, wie es in Lippe wirklich abläuft.“

 

Lippe-Kick: Zum Abschluss kommen wir zur Arminia. Nach elf Jahren Erstliga-Abstinenz ist der DSC aufgestiegen. Im Vergleich zu langjährigen Erstligisten wie Hamburg oder Stuttgart haben sie völlig verdient und souverän als Meister die 2. Bundesliga nach oben verlassen. Was sind die Gründe für diese Renaissance?

Helmer: „Erstens haben sie einen sehr guten Trainer. Zweitens spielen sie auch relativ lange schon zusammen. Und, da muss ich dem Coach Neuhaus und Manager Samir Arabi ein großes Lob aussprechen: Sie haben vorne Klos und Voglsammer. Voglsammer hat sich dann verletzt. Danach haben viele gesagt: Ohne Voglsammer wird das nichts. Falsch, sie haben ihn gut ersetzt. Schipplock kam rein, hat ein Tor erzielt, Rainhold Yabo war gefährlich. Oft haben sie in den entscheidenden Phasen Tore gemacht, auch immer nachlegen können personell. Das ist ein großer Verdienst. Ich brauche vielleicht noch zwei Leute in der Hinterhand, die das Toreschießen übernehmen. Man muss ein großes Kompliment an den Fänger Ortega aussprechen. Er hat das herausragend gemacht, gut mitgespielt, natürlich auch gehalten. Sie haben als Team sehr gut funktioniert und fast nie verloren. Daraus habe ich mir im „Doppelpass“ oft einen Spaß gemacht, habe den Gästen gesagt: „So, und schon wieder nicht verloren. Wir spielen gleich wieder, verlieren aber nicht.“ Gegen direkte Konkurrenten wie Hamburg und Stuttgart spielen sie eben Unentschieden. Das war schon bemerkenswert, wie stabil sie waren, auch nach Corona. Man kann sie nur loben, das haben sie perfekt gemacht.“

 

 

Lippe-Kick: Wie realistisch ist in der ersten Liga der Klassenerhalt, ergeht es dem DSC gar so wie dem Nachbarverein SC Paderborn 07 zuletzt?

Helmer: „Ich glaube, dass der Stil sich von Bielefeld und Paderborn etwas unterscheiden. Paderborn hat sehr mutig gespielt. Gegen Dortmund, gegen Bayern, haben sie ohne Angst agiert. Das ist schon einmal die richtige Einstellung. Ich glaube, dass Arminia es schaffen kann. Sie spielen anders als Union Berlin. Es ist schon ein schwerer Schritt von der zweiten in die erste Liga, aber mit der Euphorie kann das etwas werden. Sie haben ja auch schon einige gute Spieler verpflichtet. Bielefeld ist nicht so laut, was mir sehr imponiert. Sie machen einfach eine sehr gute Arbeit. Das könnte der große Vorteil von Arminia sein. Ich habe auch mit vielen Leuten gesprochen, die gesagt haben: Bielefeld hat einen echten Plan.“

 

Lippe-Kick: Wenn Sie in der kommenden Saison wieder zum Doppelpass einladen, gibt es da einen Kandidaten, den Sie besonders gerne begrüßen würden?

Helmer: „Den Trainer würde ich schon ganz gerne dabei haben, Samir natürlich auch. Die größere Herausforderung ist es, aktuelle Spieler zu bekommen. Immerhin müssen diese trainieren oder auslaufen.“

 

Lippe-Kick: Aus aktuellem Anlass: Wie fällt Ihr Resümee zum Abschneiden der deutschen Mannschaften im Europapokal aus?

 

Helmer: „Bayern München ist einfach outstanding, da fehlen mir die Worte! RB spielt großartig und erfrischend. Ich bin sicher: Bayern packt es!”

 

 

Lippe-Kick: Herr Helmer, Lippe-Kick dankt Ihnen für dieses Gespräch.

 

Bild-Quelle: Denkinger-Kommunikation.

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