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Was macht eigentlich...?

Was macht eigentlich…? Teil 7: John Ongley

Wir starten eine neue Serie und sprechen mit ehemaligen Trainern, Spielern, sportlichen Leitern und anderen Verantwortlichen. Heute in Teil 7: John Ongley.

„Der lippische Fußball hat sehr nachgelassen!“

Was macht eigentlich? (hk). John Ongley. Dieser Name steht für allerhöchste fußballerische Qualität. Auch für die alten, die guten Werte. Für Haltung, Charakter, Widerstandsfähigkeit, Leidenschaft. Ein halbes Jahrhundert an Lebensjahren hat der zweifache Familienvater bereits auf dem Buckel. Speziell im FuL-Kreis Lemgo hinterlässt er nachhaltige Spuren. Seit 2012 zieht er sich aus dem aktiven Fußball-Geschäft allerdings zurück. Beruflich ist der in Dörentrup wohnhafte Ongley im öffentlichen Dienst in seinem Wohnort in der Wasserversorgung tätig. Nach Corona lockt es ihn auch wieder alle zwei Wochen in den Signal-Iduna-Park – zu seinem Herzensverein Borussia Dortmund. Zusammen mit seiner jüngsten Tochter Josie fährt er in den Fußball-Tempel, besitzt er doch auf der Südtribüne für den Block 12 eine Dauerkarte. Ein juristisches Schreiben muss bestimmt nicht befürchtet werden, wenn man dem 50-Jährigem eine gewisse Fußball-Verrücktheit attestiert. Er unterstreicht gegenüber Lippe-Kick: „Fußball ist für mich eine Lebensphilosophie. Dazu gehört für mich Ehrlichkeit, Offenheit, Zielstrebigkeit und Verlässlichkeit.“

 

Lecker bestellen und schlemmen. Auf geht es!

 

 

Von Henning Klefisch

 

In der wunderschönen Hansestadt Lemgo unternimmt Ongley seine ersten kickenden Gehversuche. Los geht es in der Hochphase der wilden 70er Jahre. Wir schreiben das Jahr 1975, als er zum ersten Mal einem Verein beitritt. Dem SC Lemgo/West. Kurz zur historischen Einordnung: Der Vietnamkrieg endet in diesem Jahr, es beginnt nach dem Tod von Diktator Francisco Franco in Spanien eine Monarchie. Bis 1980 spielt er für die Westler in der F- und E-Jugend, ehe er für elf Jahre beim TBV Lemgo seine sportlichen Kunststücke präsentiert. In der A-Jugend tut er dies sogar in der Landesliga. 1987 holt er sich mit dieser die Meisterschaft. Da sein Talent unübersehbar ist, darf er sich als Nachwuchs-Kicker bereits in der Verbandsliga in der ersten Mannschaft bei den Jahnplatz-Jungs versuchen. Prüfung bestanden. Er wirft seinen Gedächtnisapparat an: „Erstes Spiel in Herford. Wolfgang Schlichthaber war ein super Trainer. Er wiederholte sich immer. Er sagt dann: John, du gehst da raus, gehst da raus und haust einen rein, haust einen rein“, hat Schlichthaber offenbar das rhetorische Mittel der Repetition bewusst verwendet. Was tut man nicht alles für den Erfolg? Dieser spricht für sich. Das Jahr 1988 bezeichnet Ongley als die „erfolgreichste und beste Zeit des TBV.“ Als A-Jugend-Newcomer hält er den Supercup, zudem den Westfalenpokal, in die Höhe, ist sogar Doppeltorschütze. Ja, es ist einfach eine ganz andere Welt. Vielleicht weniger hektisch, etwas herzlicher. 1988 ist an Handys noch nicht zu denken, weshalb John Ongley auch keine Bilder zum Westfalen-Pokal-Coup liefern kann. Schmunzelnd benennt Ongley beispielhaft: „Mirko Votava fragte ich mal, was er heute besser findet bei den Profis. Er sagte, dass es Digitalkameras gibt, die pro Sekunde 100 Bilder machen. Bei ihm als Kapitän von Werder war entweder der Film alle oder der Basler ist mit dem Pokal abgehauen.“ Zurück zum TBV: Die Verletzungsmisere trifft die Lemgoer mit voller Wucht, müssen etablierte Stützen wie Sundermann, Tonn, Kopp und Mischer verletzungsbedingt aussetzen, weshalb die jungen Wilden wie Marco König, Markus Gellhaus und eben Ongley in das kalte Wasser geschmissen werden, sich freischwimmen müssen. Sie gehen nicht unter. Respektabel: Gellhaus ist aktuell Co-Trainer beim Fußball-Zweitligisten VfL Bochum. Mit Blick auf die alten Recken erinnert sich Ongley: „Die Spieler verloren wir dann auch am Ende der Saison und den Trainer und dann ging es mit Lemgo leider nur nach unten. Wir A-Jugendlichen konnten alleine in der Verbandsliga nicht bestehen und wurden total durchgereicht, weshalb wir Jungs auch die Lust am Bolzen verloren.“

 

 

 

 

 

Trainingseinheiten mit Wolfgang Kneib

 

 

1990 geht es hinab in die Landesliga, ist dies nur der Anfang einer Abwärtsspirale. Immerhin hat Ongley mit seinem Treffer kurz vor Feierabend in finalen Match gegen den TuS Lockhausen den erneuten Liga-Wechsel verhindern können. Was folgt, ist ein Entscheidungsspiel gegen „Lockse“, um die Landesliga-Zugehörigkeit zu sichern. Beim Gegner sind Ausnahmespieler wie Erich Gnade oder ein Andreas Millkuhn mit von der Partie. Das Zahlenwerk liest sich außergewöhnlich. 1500 Schaulustige versammeln sich in Detmold, dies bei hochsommerlichen Temperaturen von 40 Grad. Was für eine Hitze! Was für eine Spannung! Was für eine Dramatik! Kein Drehbuch-Autor dieser Welt hätte diese Pointe besser verfassen können. Wir schreiben die 119. Minute in der Verlängerung, als John Ongley das entscheidende 2:1 für den TBV Lemgo gelingt. Der Rest? Grenzenloser Jubel über den Klassenerhalt. Der Matchwinner verrät gegenüber Lippe-Kick: „Unser Trainer Franz Wollny aus Paderborn sagte nach dem Spiel zu mir: Ongley, und Sie wollten nach 90 Minuten raus.“ 1991 lockt der große DSC Arminia Bielefeld. Immerhin. Eine Rolle als Perspektiv-Spieler wird ihm angeboten. Ongley strahlt: „Mit einem wie Wolfgang Kneib zu trainieren und nur noch mit Kulturbeutel zum Training zu fahren, war natürlich eine andere Nummer.“
Dort spielt er für die Reserve drei Spielzeiten lang, erneut in der Landes- und Verbandsliga. Im Herbst seiner Karriere zieht es ihn zum damaligen Landesliga-Vertreter Vlotho/Winterberg. Das Vizekusen-Syndrom wird auch hier erlebbar gemacht. Gleich fünfmal laufen sie als Tabellenzweiter ein. Das unglaublich Bittere: Als sogar die ersten beiden Teams aufsteigen dürfen, rangiert Vlotho/Winterberg an Position drei. John Ongley macht aus seiner Gefühlswelt kein Geheimnis, seufzt: „Das nervt mich noch heute, wenn wir uns alle Jahre wieder mal treffen.“ Acht Spielzeiten ist er dort aktiv, hängt 2002 seine Fußball-Schuhe an den Nagel.

 

 

„Wo ist sie hin, die Kameradschaft?“

 

Es folgt eine neue Laufbahn als Coach. Zwischen 2002 und 2005 trainiert er den TuS Almena, damals noch ein elitäres wie stolzes Mitglied im Lemgoer Kreisoberhaus. Warum das Bükerfeld? „Weil mich da keiner kannte und ich eine gute, junge Truppe hatte“, die er nach seinen Vorstellungen formen kann.
Es folgt ein Engagement beim TuS Brake. Nach dem Niedergang in die B-Klasse ist Aufbauarbeit angesagt. Drei Serien kämpft er mit seinen Schützlingen um die Rückkehr, die 2008 endlich gelingen soll. Insgesamt sieben Spielzeiten steht er beim Traditionsverein vom Walkenfeld an der Seitenlinie. Der TuS Brake hat Ongley richtig gepackt: „Ein toller Verein mit super ehrlichen Leuten im Senioren- und Jugendbereich. Jetzt bin ich bei den Altherren und schaue mir, wenn es passt, den TuS Brake an.“ Man muss sich bei John Ongley nicht einschmeicheln, um festzustellen: Wer John Ongley nicht kennt, hat den lippischen Fußball mächtig verpennt.

Weiterhin verfolgt er die lokale Bolzerei, doch es flasht ihn nicht mehr so wie einst: „Der lippische Fußball hat sehr nachgelassen. Derbys gibt es ja bald nicht mehr, weil es nur noch Spiel-Gemeinschaften gibt. Früher hatte auch jedes Dorf den einen oder anderen überdurchschnittlichen Fußballer. Das ist völlig verschwunden.“ Die wenig ruhmreiche Quintessenz: „Als ob es nur noch ein Niveau gibt und das ist sowas vonna ja”, stockt er bewusst, beißt sich dabei auf die Zunge. Er stellt sich selbst die Frage: „Wo ist sie hin, die Kameradschaft?“ Eine Antwort darauf zu finden, das fällt ihm schwer. Es sind nachdenkliche Töne, die der joviale John Ongley zum Ende hin anschlägt.

 

 

 

 

 

 

Bild-Quellen: John Ongley, Lippische Wochenschau, Lippische Landeszeitung

 

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