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Unvergessene Vereine

Unvergessene Vereine – SC Schötmar Birlik

Einige Jahre spielte auch der SC Schötmar Birlik eine wichtige Rolle im lippischen Fußball. Vor rund einem Jahrzehnt haben die Kurstädter allerdings Lebewohl gesagt. Lippe-Kick hat sich mit zwei ehemaligen Vereins-Protagonisten getroffen, über alte Zeiten gesprochen.

 

„Der Zusammenhalt war besonders“

Unvergessene Vereine (hk). Irgendwie surreal. Die Zeit, die rast. Zwei Jahrzehnte ist die Jahrtausendwende bereits her. Während die ganze Welt Millennium feierte, reifte der Gedanke, den SC Schötmar Birlik ins Leben zu rufen, einen türkischstämmigen Verein. Fußballverrückt sind die Jungs stets gewesen, zockten sie doch frisch, fröhlich und frei auf einem Aschenplatz – direkt an der Werre in der Kurstadt gelegen. Heute steht dort das Jugendzentrum @on! in Schötmar. Da die Begeisterung groß war, die sportlichen Fähigkeiten auch in einem Ligabetrieb zu messen, gründeten sie eben 2002 einen Verein – den Sportclub Schötmar Birlik. 2006 erfolgte die Fusion mit dem TSV Schötmar. Bis 2009 hatte dieser Verein Bestand, ehe man beim Amtsgericht Lemgo diesen abmeldete.

 

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Von Henning Klefisch

 

 

Klar, Ugur Uygur (Bild oben links) war ein ganz wichtiger Protagonist bei der Gründung. Doch eine One-Man-Show war die Entstehung von Birlik bei weitem nicht. Kadir Özdin, Osman Tac, Adem Bal, Ali Siviloglu, und Ayhan Aktürk waren die wichtigen Gründungsmitglieder. Unterstützung erfuhren die Kicker vor allem durch die Vahdet Moschee in Bad Salzuflen, deren Räumlichkeiten zugleich als Treffpunkt dienten. Uygur betont im Lippe-Kick Gespräch: „Der Verein wollte selbstständig bleiben. Der persönliche Kontakt, die menschlichen Werte waren uns wichtig. Auch die Gerechtigkeit“, verrät der mittlerweile 55-Jährige etwas über die Vereins-DNA. Die fußballerische Klasse war groß, die Technik, das Spielverständnis herausragend. Schnell stellten sich die ersten Erfolge ein, stieg man 2005 als C4-Meister in die Kreisliga B2 Lemgo auf. Hier sind die Platzierungen im Detail: (https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-c3-lemgo-2002-2003/, https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-c3-lemgo-2003-2004/, https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-c4-lemgo-2004-2005/, https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-b2-lemgo-2005-2006/, https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-b2-lemgo-2006-2007/.  Der Familienvater beschreibt die Qualitäten seiner Jungs: „Es war ein Mix aus Einzelkämpfern und Teamspielern. Wir hatten eine jüngere Mannschaft, viele Mittzwanziger. Dem Kern gehörten 16 Akteure an, bis zu 30 Kicker waren dem Kader zugehörig.“ Diesen leitete Ilker Aslan an, später übernahm Mehmet Ari, mit seinen 35 Lenzen kaum älter als seine Spieler. Der Zuspruch in der Bevölkerung war gut, kamen doch oft bis zu 90 Zuschauer zu den Heimspielen am Bad Salzufler Lohfeld. Diese wurden in einem Verkaufswagen mit Rindsbratwurst und Pommes Frites verköstigt. Lecker: Sogar Döner und Köfte trafen den Geschmack der Schaulustigen. Uygur schmunzelt: „Da haben wir gutes Geld gemacht.” Zwischen 2003 und 2005 rief Birlik ebenfalls eine Reserve ins Leben (hier geht es zu den Abschlusstabellen: https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-c4-lemgo-2003-2004/, https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-c4-lemgo-2004-2005/). Ohne Unterstützung geht nichts. Neben Euro Döner war es auch das Baucenter Engelhardt aus Bad Salzuflen, das den Sportclub finanziell unterstützte. Beim Euro Döner waren es persönliche Kontakte, bei Engelhardt kaufte ein Birlik-Spieler ein und fragte nach einem Sponsoring. Engelhardt sponserte die Trainingsanzüge für die A-Jugend, unterstrich damit sein Herz für den Nachwuchs.

 

 

Verständnis für die Konkurrenz

 

Die Spielerakquise verlief außerordentlich interessant. 16 bis 18-Jährige, die mehr aus Spaß an der Freude dem Ball hinterherjagten, schlugen auf
beeindruckende Art und Weise bei einem Hobbyturnier die erste Mannschaft von Birlik Schötmar. Die Teenager, die ursprünglich zum benachbarten TuS Bexterhagen wechseln wollten, wurden von den SC-Verantwortungsträgern umgestimmt und bildeten in den kommenden Jahren das Rückgrat des Vereins. Dieser erlebte Mitte der Nuller-Jahre seine Hochphase, wurde C-Liga-Meister und stellte in der Spielzeit 2003/04 sogar eine A-Jugend. Eigene Fehler räumt Uygur ein: „Bad Salzuflen, Bexterhagen und Lockhausen haben sich beschwert, dass wir ihnen ihre Jugendspieler abwerben. Sie hatten recht. Das war nicht gut, aber uns hat das Personal gefehlt. Ich habe versucht, eine eigene Jugend aufzubauen“, doch sein Nachfolger Ayhan Aktürk präferierte das Festhalten an der Reserve.  Plötzlich gab es allerdings den großen Exodus im gelobten Land. Der SC Bad Salzuflen lockte die Youngster und stieg in den Folgejahren mit diesen neuen Verstärkungen, einem Quintett, von der A- bis in die Landesliga auf. Ein echter Ausnahmespieler war Ibadullah Keles. Nach zwei Jahren beim SV Werl-Aspe kickte er ein Jahr in Detmold, dann zog es ihn zum Sportclub Bad Salzuflen. Birlik erlebte einige besondere Momente. Insbesondere die Derbys gegen Lipperreihe, Rojhilat oder TSV Schötmar hatten es wahrlich in sich. Für Ramazan Aygör bleibt sein Beinahe-Kopfballtor gegen den TSV Schötmar ewig in seinem Gedächtnis. „In der letzten Minute fast zum Sieg“, leuchten auch viele Jahre später seine Augen immer noch. Am Ende blieb es bei der Punkteteilung.

 

„Ich habe den Spieß umgedreht“

 

Ramazan Aygör ist ein exzellenter Geschichten-Erzähler. Einer, der seine Stimme der Bedeutung seiner Worte anpassen kann. Wenn er anfängt, dann strahlen seine Augen, seine Hände bewegen sich und der Redefluss schlägt Wellen. Wie etwa auch die Story, die er im Gastspiel bei Türkgücü Lemgo erlebt hat. Noch so ein Verein, der Geschichte geschrieben hat, aber keine Gegenwart. „Türkgücü hatte einen sehr aggressiven Engländer, der grenzwertig in die Zweikämpfe ging. Ich habe den Spieß umgedreht, habe ihn so aussehen lassen, als hätte er mich gefoult, mich sehr geschickt hingestellt.“ Die Konsequenz: Der Engländer kassierte einen Platzverweis, durfte als Erster die Duschoption wählen. Aygör ähnelte von der Cleverness, seiner Spielweise dem Borussia Dortmund-Abwehrspieler Mats Hummels, selbstredend auf Kreisliga-Niveau. „Als auch der Türkgücü-Stürmer einige Mätzchen machte, sagte ich dem gegnerischen Abwehrspieler: „Pass auf, als Nächstes ist euer Stürmer dran“, lacht Aygör dabei beherzt. Oder: „Das Spiel gegen den SV Wüsten. Die hatten einen Schrank-Spieler. Er hat mich bei einem Einwurf mit beiden Händen weggestoßen. Normalerweise eine klare rote Karte.“ Was ist im Fußball schon normal, denn der Referee drückte beide Augen zu und ließ den handgreiflichen Koloss auf dem Platz. Gegen Lipperreihe erlebte der grundsätzlich durchaus dynamische Aygör einen Moment zum Eingraben: „Ich stand in der Abwehr. Der Stürmer war mit dem Ball schneller als ich ohne Ball.“ Was bleibt nun, auch mehr als ein Jahrzehnt nach der Löschung aus dem Vereinsregister bestehen? Uygur und Aygör sagen unisono: „Der Zusammenhalt war besonders. Ob Kurden, Türken, Griechen oder Russen, wir waren ein Team. Wir hatten gemeinsame Interessen. Für uns war Fair-Play ganz besonders wichtig.“ Besteht denn eine Restchance auf ein Comeback? „Zurzeit nicht, aber sag niemals nie. Ausschließen möchte ich das nicht“, erklärt Aygör abschließend gegenüber Lippe-Kick.

 

 

Bild- und Textquelle: Lippische Landeszeitung, Lippe-Kick.

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