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Saison 2020/21

Der Mann mit Pfiff. Teil 2: Andrew Wilson

Schweigen bedeutet Lob. Wenn über sie nicht berichtet wird, dann haben sie eine einwandfreie Leistung gezeigt. Lippe-Kick möchte in der neuen Serie den Spielleitern die Wertschätzung erweisen, die sie längst verdient haben. Klickt euch mal hinein.

Der Mittelpunkt als Leistungsbeschleuniger

Der Mann mit Pfiff (hk). Von den Schiedsrichtern wird stets verlangt, dass sie fehlerfrei agieren. Perfektionismus pur. Manche Kreisliga-Spieler schießen mehr hoch als weit, lassen den Ball vom Schienbein weiter abprallen, als andere passen können. Doch die Spielleiter, die müssen ohne Fehl und Tadel agieren, so das Anspruchsdenken einiger. Man muss selbstbewusst sein, dazu ein hohes Maß an Souveränität und Fußball-Kompetenz besitzen, um in diesem Stahlbad seinen Mann zu stehen. Wie Andrew Wilson. Der hat sich als Referee durchgesetzt. In diesem Corona-Jahr feierte er sein Jubiläum, pfeift er doch seit exakt einem Jahrzehnt. Er bildet den zweiten Teil zur neuen Serie bei Lippe-Kick, die den Namen trägt: „Der Mann mit Pfiff.“

 

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Von Henning Klefisch

 

In einer Zeit vor Corona. Ekstase pur in Pivitsheide. Der Kohlpott tobt. Die Luft steht still, die Menge freut sich. Menschenmassen bewegen sich wellenförmig. Auf und ab, immer wieder. Ein Eldorado für die Feierbiester – ein großes Ballyhoo. Die Dorfschönheiten wippen leicht von einem auf den anderen Fuß, bewegen elegant ihre Hüften. Sie lächeln verschmitzt, streichen sich dabei nervös ihre Haar-Strähnen aus dem Gesicht. Das Kajal zerfließt, denn einige Tränen kullern über die Wangen. Tränen der Rührung. So einige werden von ihren Gefühlen übermannt. Leidenschaftlichkeit legt sich wie ein aufregender Schatten über die Szenerie. Die Jungs nippen lässig an ihrem Bier, spannen kurz ihren Brustmuskel an, wippen arrhythmisch mit zum Christina Aguilera-Hit„Hurt“, was beim Karaoke-Abend alle Beteiligten in seinen Bann zieht. „Seems like it was yesterday, when I saw your face. You told me how proud you were, but I walked away. If only I knew, what I know today. Ooh, ooh“, schmettert Andrew Wilson ins Mikrofon. Augen zu und durch? Mitnichten. Gönnzeit genießt Hochkonjunktur. Er zeigt Emotionen, beweist Taktgefühl, genießt es regelrecht, alle Blicke auf sich zu ziehen – im Mittelpunkt zu stehen. Der 33-Jährige ist voll in seinem Element, wenn er die Bühne rockt. So einige Zuhörer berichten danach von einer Gänsehautentzündung, die ihnen Wilson mit seiner schmachtenden Stimme beschert. Meist sind es Balladen, die er zum Besten gibt, doch auch Partyhits haut er raus, um die Masse zum Brodeln zu bringen. Jaja, Karaoke, das ist für ihn ein Lebensgefühl. „Karaoke habe ich viele Jahre selber veranstaltet und habe Leute animiert, selber zu singen“, verrät er gegenüber Lippe-Kick. Die legal, weil käuflich erworbene Musikdateien lässt er über den Bildschirm laufen. Einige Sänger müssen sich vor ihrem Auftritt etwas Mut antrinken. Dann heißt es: Manege auf, Licht an, ab die wilde Fahrt durch die Tonleiter, auf und nieder, immer wieder. Ellie Goulding, Gentleman, derzeit auch Ben Zucker, lauscht Andrew Wilson bevorzugt. „Aber auch die Charts höre ich gerne, obwohl da momentan nicht viel angeboten wird, was mir gefällt“, so der kritische Musikliebhaber. Wir begeben uns auf eine Zeitreise. In den Nullerjahren, zu unbeschwerten Teenagerzeiten, da schwärmte er für Christina Aguilera. „Sie macht tolle Musik und hat eine Bombenstimme“, war er als Jugendlicher vielleicht sogar ein bisschen verliebt in die blonde Schönheit mit dem Mords-Temperament. Rock ‘n’ Roll, Baby. „Andrew Wilson, ich will ein Kind von dir“, sagte ihm seine Freundin und er schenkte ihr vor einem Jahr eine Tochter. „Ich bin gerne Familienvater“, strahlt Wilson dabei über das gesamte Gesicht. Er verbringt so viel Stunden wie möglich mit ihr. Wenn er nicht singt oder Zeit mit seiner Tochter verlebt, dann betreut er Kinder in einer Offenen Ganztagsschule nach dem Unterricht. Oder er fährt Fahrrad, erkundet per Drahtesel das wunderschöne Lipperland. Ein tolles Sightseeing, dazu auch umweltschonend. Greta Thunberg würde ihm dafür respektvoll auf die Schulter klopfen.

 

Pfeifen wie Collina und Webb

 

Achso, bevor wir es vergessen: Er ist Fußball-Schiedsrichter. Und was für einer. Ein Spiel reicht ihm pro Wochenende nicht. Wilson wandelt auf den Spuren von Thorsten Pölert, dem wandelnden Fußball-Lexikon und dem rasenden Referee. Gemeinsamkeiten zwischen Karaoke und dem Fußball? „Es stärkt auf jeden Fall das Selbstbewusstsein. Es braucht für viele Menschen Mut, sich auf eine Bühne zu stellen und vor anderen zu singen. Auch beim Pfeifen muss man selbstbewusst auftreten.“ Wilson verfügt über Selbstbewusstsein in ausreichender Dosierung. Es gibt Leute, die stottern bereits beim Bezahlen an der Würstchenbude mehr als ein Volkswagen Multivan, Baujahr 1995, wenn er sich den Weg zum Hermanns-Denkmal hochquält. Nicht so der vielfach begabte Wilson, der gerne auch dem Lippe-Kick-Reporter sagt, was er denkt. Ehrlich, aber stets in einem respektvollen Ton. Womit wir uns dem Thema nähern. Seit 2010 bekleidet er offiziell das Schiedsrichteramt, nahm sich den italienischen Weltschiedsrichter Pierluigi Collina zum Vorbild. Warum? „Ich fand es einfach toll, wie er seine Spiele geleitet hat und wie er aufgetreten ist. Man hat einfach gemerkt, dass die Spieler Respekt hatten.“ Durch den markanten Glatzkopf wurde er inspiriert. Doch es war ebenso sein englischer Landsmann Howard Webb, der das Pfeif-Fieber in ihm weckte. Er war regelrecht vernarrt in den Lebenspartner der deutschen Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus: „Er ist in meinen Augen ein super Schiedsrichter gewesen und ich habe es geliebt, Spiele zu schauen, die er leiten durfte. Manchmal habe ich Spiele geschaut, nur weil er der Offizielle war. Seine Art, die Spiele zu leiten und sein Auftreten waren super. Ich empfand ihn als locker, aber auch konsequent in seiner Linie.“ Frisurentechnisch muss sich Andrew Wilson aber noch so einige Haare raufen, um Collina und Webb Konkurrenz zu machen. Er hat sich einiges abgeschaut. Chapeau, mit dieser „Kopie“ sammelte er bisher doch recht erfolgreiche Erfahrungswerte. Es war reichlich Eigenantrieb vorhanden, wollte er den lokalen Fußball-Sport aktiv unterstützen. „Und durch meine Behinderung blieb mir nur die Aufgabe zu pfeifen.“ Er leistet Aufklärungsarbeit. „Ich war Betreuer der Mädchenmannschaft von SuS Pivitsheide und da musste man damals pfeifen, da es dort keine Schiris gab.“ Schnell fand er Gefallen an der Spielleitung. Nicht zu verachten: „Ich wollte zeigen, dass man mit einer Gehbehinderung schon auch pfeifen kann. Das Thema Inklusion im Sport wird ja zurzeit großgeschrieben und ich freue mich, dass ich da auch eine Rolle spielen kann.“

 

„BoL 2015 war mir eine große Ehre“

 

Der Tausendsassa erlebte viele beeindruckende Momente als Schiedsrichter. Momente für die Ewigkeit, zum Einrahmen, natürlich zum Weitererzählen. Wilson plaudert drauflos, wie ein Wasserfall, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Frei Schnauze, unzensiert. Wenig Phrasen, viel Klartext. Alles mit einer Richtung: Immer geradeaus. Fünfeinhalb Jahre ist es mittlerweile her, wir schreiben den Juni 2015, da fand einer dieser magischen Augenblicke in seinem Schiedsrichterleben statt. Ort des Geschehens war der Rasenplatz an der Hebbelstraße, die Sportanlage des SuS Pivitsheide: „Es war mir eine große Ehre, das erste Best of Lippe-Kick-Spiel 2015 auf meinem heimischen Platz leiten zu dürfen. Ich werde dieses Spiel nicht vergessen. Ich war so mega aufgeregt und als ich dann sah, wie viele Menschen am Platz waren, da ging mir einiges durch den Kopf.“ Nämlich: „Bloß keine Fehlentscheidung treffen oder halt bloß durch. Das war das erste Spiel vor so vielen Zuschauern für mich.“ Eine tolle Aktion fand wenige Zeit später statt. Es war ein Benefizspiel für ein krankes Kind. Pro Tor gab es Geld für das Kind, ließ der clevere und empathische Wilson die Abseitsregel einfach mal Abseitsregel sein. Ehrensache, dass er seine Aufwandsentschädigung spendete. Noch weiter zurück, wir schreiben das Jahr 2013, liegt seine Resonanz vom Schiedsrichterausschuss Detmold, der ihn zum Schiedsrichter des Jahres kürte. „Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich ein Jahr diesen „Titel” tragen durfte und bedanke mich sehr für diese Ehrung.“ Wenige Jahre später, 2019 auf der Anlage der FSV Pivitsheide, war er erneut Referee beim Best of Lippe-Kick, dieses Mal als Schiedsrichter-Assistent. Auch die jungen Geißböcke spielten nach seiner Pfeife, bei einem C-Jugend-Match vom 1. FC Köln. Es würde nicht überraschen, wenn der Familienvater in einigen Jahren ein Buch über sein Leben veröffentlichen würde. Genug zu erzählen hätte er immerhin.

 

„Durch das Pfeifen bin ich selbstbewusster geworden.“

 

Andrew Wilson ist ein Spielerversteher. Er versucht bewusst, ein enges Verhältnis zu den Kickern aufzubauen, „eine faire Linie zu fahren“, wie er meint. Nicht immer, aber meistens funktioniert dieser zurechtgelegte Matchplan. Ein besseres Miteinander, das würde seine Geschmacksnerven treffen. Denn: „Man darf nicht vergessen, dass wir auch Amateure sind und ohne uns ist es nicht möglich, dass sie spielen. Deswegen, wenn mal ein paar Fehlentscheidungen fallen, sollen sie nicht gleich aus der Haut fahren. Meistens stehen wir alleine auf dem Platz und da kann man nicht alles sehen. Das sage ich den Spielern meistens vor dem Spiel. Das gilt auch für Zuschauer. Manche sind der Meinung, dass sie es besser können. Na, dann bitte, sollen sie sich sehr gerne bei der Schulung anmelden und es besser machen“, darf man darauf gespannt sein, wie viele kritische Zaungäste dieser lieb gemeinten Aufforderung folgen werden. Welches Rüstzeug sollte ein Referee mitbringen, um im Stahlbad seinen Mann zu stehen? „Ich finde, jeder Schiedsrichter sollte selbstbewusst in ein Spiel gehen und das auch zeigen. Manchmal ist schon der Anpfiff ganz wichtig. Ich persönlich finde, dass der Pfiff durch die Pfeife schon zeigt, wie selbstbewusst man ist. Durch das Pfeifen bin ich selbstbewusster geworden. Ein Schiedsrichter sollte auch Empathie zeigen und auf Spieler zugehen.“

 

„Wir müssen zusammenhalten“

 

Andrew Wilson lässt die Dinge auf sich zukommen. Nach einem Jahrzehnt als Schiedsrichter hat er keine Alpträume, benötigt keine Gesprächstherapie, weil er von falschen Pfiffen, polemischer Kritik oder einem Pfeifkonzert mental gepeinigt wird. In völliger Entspanntheit zündet er sich eine Zigarette an, studiert den Tabellenstand, auch die Fairplay-Tabelle. Er kennt seine Pappenheimer. Nicht verkehrt: „Und ich lese auch die Vorberichte von Lippe-Kick“, sind diese doch auch dafür geeignet. Auch wenn die Autobahndichte und folglich das Verkehrsaufkommen in Lippe eher marginal ist, so ist doch eine frühe Anreise Usus für Andrew Wilson. Sein Konzentrationslevel fährt er hoch. Hier ein Small-Talk mit den Vereinsvertretern, dann die Begutachtung des Platzes. Eckfahnen vorhanden? Wurde akkurat abgekreidet? Ist das Tornetz sicher? „Dann gehe ich in die Kabine, meistens mit Musik im Ohr, um mich mental vorzubereiten“, könnte ihn die blonde Christina aus den Staaten wieder in den richtigen Gefühlszustand versetzen. Die Kommunikation und Ehrlichkeit sind zwei entscheidende Parameter für Wilson. Wenn die Fragen in einer angemessenen Tonalität gestellt werden, beantwortet er diese gerne gegenüber den Spielern und Trainern. „Aber auch erst nach dem Spiel und bei einer Flasche Bier.“ Dass er tatsächlich diesem Hobby nachgehen darf, dafür bedankt er sich recht herzlich beim SuS Pivitsheide, auch dem Kreisschiedsrichterausschuss, die ihm beim Erwerb vom Schiedsrichter-Schein sehr geholfen haben. Die abschließenden Worte unterstreichen seine Reife, wenn er die aktuelle Situation formuliert: „Wir müssen alle in dieser ungewöhnlichen Zeit zusammenhalten und gesund bleiben. Dann bin ich mir sicher, dass wir uns bald wieder auf den Plätzen wiedersehen.“

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