Connect with us

Saison 2020/21

Der Mann mit Pfiff. Teil 7: Dirk Vögeli

Schweigen bedeutet Lob. Wenn über sie nicht berichtet wird, dann haben sie eine einwandfreie Leistung gezeigt. Lippe-Kick möchte in der neuen Serie den Spielleitern die Wertschätzung erweisen, die sie längst verdient haben. Klickt euch mal hinein.

 

 

„Man vermisst die Spiele!“

 

Der Mann mit Pfiff (hk). Von den Schiedsrichtern wird stets verlangt, dass sie fehlerfrei agieren. Perfektionismus pur. Manche Kreisliga-Spieler schießen mehr hoch als weit, lassen den Ball vom Schienbein weiter abprallen, als andere passen können. Doch die Spielleiter, die müssen ohne Fehl und Tadel agieren, so das Anspruchsdenken einiger. Man muss selbstbewusst sein, dazu ein hohes Maß an Souveränität und Fußball-Kompetenz besitzen, um in diesem Stahlbad seinen Mann zu stehen. Auf den ersten Blick ist das Schiedsrichterdasein ein Solo-Kämpfertum. Man kommt in eine Einzelkabine, ist auch im Spiel meist auf sich allein gestellt. In seltenen Fällen und bei besonderen Spielen helfen Assistenten an der Seitenlinie aus. Noch relativ frisch dabei ist Dirk Vögeli. Der Familienvater pfeift für den TuS Brake, wählt eine klare Rhetorik in diesem Lippe-Kick-Interview in der Rubrik „Der Mann mit Pfiff.“

 

Hunger? Dann bestellt doch gerne beim:

 

 

 

Lippe-Kick: Hallo Dirk, schön, dass wir dich für die neue Schiedsrichter-Rubrik interviewen dürfen. Erzähl mal: Seit wann bist du Schiedsrichter?

 

Dirk Vögeli: „Ich hatte in der Vergangenheit immer mal wieder Berührungspunkte zum Schiedsrichterwesen. Als Junioren-Trainer musste man gelegentlich als Schiedsrichter bei Auswärtsspielen einspringen oder auch bei Jugendturnieren das Amt an der Pfeife übernehmen. Auch im Rahmen der Trainerausbildung war die theoretische Schiedsrichterausbildung ein Baustein. Aber meine offizielle theoretische und praktische Schiedsrichterprüfung habe ich „erst“ im September 2018 am Walkenfeld in Lemgo abgelegt und pfeife ab diesem Zeitpunkt für den TuS Brake.”

Lippe-Kick: Oft gibt es ein Aha-Erlebnis oder ganz bestimmte Vorbilder. Wer hat dich mit dieser Leidenschaft angesteckt?

Vögeli: „Nach meiner aktiven Zeit als Junioren-Trainer und Jugendleiter beim TuS Brake wollte ich dem Fußball in irgendeiner Form erhalten bleiben und zugleich etwas für meine Fitness tun. Hinzu kam, dass der TuS Brake seinerzeit Schwierigkeiten hatte, das vorgegebene Schiedsrichter-Soll zu erreichen. Daraus entstand dann mit meiner abgelegten Schiedsrichterprüfung für beide Seiten eine „Win-win-Situation.“ Dieser zugegebenermaßen etwas pragmatische Ansatz hat sich dann jedoch im Laufe der Zeit zu einer „Leidenschaft“ entwickelt. Dies wird mir gerade jetzt in der Zeit des Lockdowns bewusst, weil man die Spiele vermisst.“

 

Lippe-Kick: Hast du Vorbilder in der Branche?

Vögeli: „Konkrete Vorbilder aus der aktuellen prominenten Schiedsrichtergilde habe ich nicht. Da es sich beim Schiedsrichterwesen auf Kreisebene und in der Bundesliga um zwei unterschiedliche Welten handelt, beeindrucken mich eher die auf lokaler Ebene ehrenamtlich Tätigen, die mit viel Engagement und trotz widriger Rahmenbedingungen versuchen, einen Spielbetrieb in den Kreisligen am Laufen zu halten.“

Lippe-Kick: Gibt es Partien, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind? Und wenn ja, welche sind das im Konkreten?

Vögeli: „Aus jedem Spiel nimmt man als Schiedsrichter etwas mit und spontan würde mir fast zu jedem Spiel etwas einfallen. In Erinnerung bleiben natürlich die „Meilensteine“, wie zum Beispiel das erste offizielle gepfiffene Spiel in Bexterhagen unter Aufsicht von Manfred Heinrich, das erste Spiel in der Kreisliga B auf dem Ascheplatz in Lockhausen in einem heftigen Sturm, welches kurz vor dem Abbruch stand. Oder das erste geleitete Spiel in der Kreisliga A in Blomberg bei optimalen äußeren Bedingungen. Ebenfalls erinnert man sich gerne an die Spiele mit besonderem Wettkampfcharakter, wie zum Beispiel die Junioren-Relegationsspiele auf dem Jahnplatz in Lemgo, Pokalspiele oder das Endspiel auf dem Bezirkssportfest der Nordrhein-westfälischen Finanzämter in Nordkirchen. Hinzu kommen Spiele, die fußballerisch herausragen und beide Mannschaften sich einen fairen Wettkampf liefern und den Schiedsrichter mit all seinen Stärken und Schwächen akzeptieren und sich lediglich auf ihr Ding konzentrieren. Merkwürdigerweise ist mir auch das letzte gepfiffene Spiel vor dem ersten Lockdown im März 2020 auf dem Jahnplatz in Lemgo noch sehr präsent. Neben den vielen tollen Erlebnissen und Erfahrungen bleibt aber leider auch die Erinnerung an ein Spiel, in dem ich als Schiedsrichter bedroht und beleidigt wurde, welches dann durch die Sportgerichtsbarkeit aufgearbeitet werden musste.“

 

Lippe-Kick: Einige Referees meckern, doch: Was hat sich im Umgang mit den Spielleitern in den letzten Jahren verändert?

Vögeli: „Zu dieser Frage kann ich leider nur begrenzt Auskunft geben, weil mir die langjährige Erfahrung fehlt und nur zur aktuellen Situation ein wenig beitragen kann.
Meiner Meinung nach werden bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen und Erwartungshaltungen undifferenziert auf einen Kreisliga-Schiedsrichter übertragen, der dieses überhöhte Anspruchsdenken überhaupt nicht erfüllen kann. An einen Kreisliga-Schiedsrichter, der ohne neutrale Schiedsrichterassistenten, der ohne vierten Offiziellen und ohne lippischen Videokeller antritt, darf nicht der Maßstab der Nullfehlertoleranz und der Wunsch nach Perfektion angelegt werden. Trotz bestimmter Lauftechniken und hoher Laufintensität kann beispielsweise nicht verhindert werden, dass es zu fehlerhaften Abseitsentscheidungen kommen wird. Auch Fouls oder sogar Tätlichkeiten, die im Rücken des Schiedsrichters, etwa beim Vorlaufen, passieren, können ohne neutrale Schiedsrichterassistenten nicht wahrgenommen werden. Manchmal fehlt bei den Verantwortlichen an der Linie und bei dem ein oder anderen Spieler dafür das Verständnis, welches an der lautstarken Kritik am Schiedsrichter deutlich wird. In diesem bestimmten Fall wird dann die Kritik vom Referee als unfair und als mangelnder Respekt gegenüber der Spielleitung empfunden. Eine Rückkehr zu mehr Gelassenheit und einer akzeptierten Fehlerkultur wäre meiner Einschätzung im Kreisliga-Fußball hilfreich.“

Lippe-Kick: Was würdest du dir von Spielern, Trainern, Offiziellen, Zuschauern in Zukunft wünschen?

Vögeli: „Zunächst würde ich mir erst einmal wünschen, dass überhaupt wieder Zuschauer zu den Spielen zugelassen werden. Die besondere Bedeutung der Rolle der Zuschauer wurde erst deutlich, als diese nicht mehr zuschauen durften. Sie fehlen einfach. Der Großteil der Trainer und der Mannschaftsverantwortlichen verhält sich mir gegenüber respektvoll und werden ihrer Vorbildfunktion gegenüber den Spielern und den Zuschauern an der Linie gerecht. Von dem ein oder anderen Trainer würde ich mir wünschen, dass er einen Mitschnitt von seinem Verhalten während des Spiels anschließend zusammen mit seiner Familie ansehen müsste. Und wenn ich noch einen zweiten Wunsch freihätte, würde ich mir von den Spielern wünschen, auf Schauspieleinlagen und absolut überzogene Theatralik zu verzichten, weil dies ein Zeichen von fehlendem Respekt gegenüber der gegnerischen Mannschaft und dem Schiedsrichter ist.“

 

Lippe-Kick: Wie können die Nachwuchsprobleme im Schiedsrichterwesen gelöst werden?

Vögeli: „Aufgrund des demografischen Wandels der Gesellschaft betreffen die Nachwuchsprobleme nicht nur das Schiedsrichterwesen, sondern den Amateurfußball insgesamt. Noch vor ein paar Jahren spielten beispielsweise im Kreis Lemgo die A-Junioren in zwei Staffeln mit mindestens je zehn Teams gegeneinander. In der aktuellen Saison 2020/2021 spielen nur noch elf Teams in einer Kreisliga A in Lemgo, davon zwei Neuner-Teams und bereits sieben Jugendspielgemeinschaften. Eine Verringerung der Anzahl der Jugendmannschaften führt logischerweise dann auch zu einer Verringerung der Mannschaften im Seniorenbereich und somit zu einer geringeren Anzahl der zu betreuenden Spiele, für die aber dennoch noch zu wenige Schiedsrichter zur Verfügung stehen. Zudem muss man abwarten, ob auch alle Schiedsrichterkollegen aus der Covid-19-Zwangspause zurückkehren, wenn man sich erst einmal an ein (vielleicht ruhigeres) Leben ohne Pfeife am Sonntag gewöhnt hat. Ein Patentrezept zur Lösung der Nachwuchsprobleme gibt es leider nicht und ich beneide meine Schiedsrichterkollegen im Recruiting wahrlich nicht. Das veränderte Freizeitverhalten, insbesondere der jüngeren Generationen, und die Betonung der Work-Life-Balance machen diesen Job nicht einfacher. Eine Verbesserung der Situation könnte man meines Erachtens unter anderem über die Vereine erreichen, wobei eine Freiwilligkeit immer besser wäre, als eine Lösung über Sanktionen durch den Verband. Jeder Verein könnte einen Schiedsrichter-Obmann installieren, der dann in der Fußballabteilung nach entsprechenden Talenten Ausschau hält und etwaige Überzeugungsarbeit leistet. Dies könnte bereits im Juniorenbereich beginnen und sich über den Seniorenbereich bis zu den „Alten Herren“ erstrecken.“

 

Lippe-Kick: Wie sieht eine gewöhnliche Woche als Schiedsrichter für Dich aus?

Vögeli: „Falls unter der Woche keine Spiele anstehen, versuche ich mich durch ein bis zwei Laufeinheiten fit zu halten. Hinzu kommen regelmäßig stattfindende Belehrungsabende, die für die Schiedsrichtergruppe Lemgo im Sporthaus des FC Union Entrup stattfinden.
Am Wochenende pfeife ich grundsätzlich ein bis zwei Spiele, am Samstag im Regelfall ein Junioren-Spiel und am Sonntag ein Herren- oder Damenspiel.“

 

Lippe-Kick: Wie bereitest du dich auf das Match vor?

Vögeli: „Eine Selbstverständlichkeit sollte sein, dass neben der Ausrüstung die organisatorischen Dinge gut vorbereitet sind. Insbesondere ist sicherzustellen, dass ich rechtzeitig, also spätestens circa 45 Minuten vor Anpfiff, am Sportplatz eintreffe, um gegebenenfalls noch Einfluss auf die äußeren Rahmenbedingungen nehmen zu können.
Falls ich die Teams in der Saison noch nicht gepfiffen habe, schaue ich mir die Tabellenkonstellation und die Platzierung der Mannschaften in der Fairplay-Wertung an. Teilweise werfe ich auch einen Blick auf die letzten Spielberichtsbögen im DFBnet, um ein Gefühl für die Spieler, Trainer und Mannschaften zu bekommen. Falls ich in den alten Mannschaftsaufstellungen ehemalige Jugendspieler aus meiner ehemaligen Trainertätigkeit finde, freue ich mich auf ein Wiedersehen.
Weiterhin versuche ich Hintergrundinformationen zum Spiel, zum Beispiel durch die Vorberichterstattung bei Lippe-Kick und in der LZ zu bekommen, um etwaige Besonderheiten eines Spieles im Vorfeld zu erkennen, um gegebenenfalls dann darauf angemessen reagieren zu können.“

 

Lippe-Kick: Dirk, wir danken dir für dieses kurzweilige und informative Gespräch. Bleib gesund.

More in Saison 2020/21

%d Bloggern gefällt das: