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Was macht eigentlich...?

Was macht eigentlich…? Teil 14: Peter Tonn

Nicht allzu viele Lipper dürfen von sich behaupten, unter Ernst Middendorp trainiert zu haben. Peter Tonn hat dieses Privileg genossen – in seiner fußballerischen Blütezeit. Bei Lippe-Kick erzählt er seine Geschichte.

 

„Habe einen Namen, aber auch Gegner!“

Was macht eigentlich…? (hk). Nun gut, der Konjunktiv ist der Indikativ des kleinen Mannes. Hätte, wenn und aber, vieles nur Gelaber. Wenn man seine Streifzüge über die lippischen Sportplätze unternimmt, dann hört man so einiges. Um mächtig Eindruck zu schinden, wird oft Arminia Bielefeld ins Spiel gebracht. Die verpasste Karriere Teil eins bis fünf. Eine Verletzung war schuld, dass die nah vor Augen liegende Profi-Laufbahn verpasst wurde. So bleibt immerhin die Illusion. Bei Peter Tonn gestaltet sich die Sachlage etwas anders. Er bekam tatsächlich den begehrten Profi-Vertrag zur Unterschrift vorgesetzt. 1987 war das. Da jedoch eine solide Ausbildung bei der Sparkasse Vorrang genoss, wagte er erst ein Jahr später den großen Schritt auf die Bielefelder Alm. Zwei Jahre lang spielte der gebürtige Lemgoer für den damaligen Drittligisten. Nicht nur. Beim TuS Lüdenhausen genießt der mittlerweile 55-Jährige einen exzellenten Ruf als Aufstiegs-Trainer, packte er doch mit den Kalletalern den Sprung in die Bezirksliga. Dazu gibt es einige schöne Geschichten aus seiner Zeit beim TBV Lemgo zu erzählen.

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Von Henning Klefisch

 

 

Der Hansestadt ist Tonn weiterhin treu geblieben, wohnt er doch mit Freundin Melanie und der siebenjährigen Tochter Isabell in Lemgo-Brake. Eine Ruhe-Oase, ein Hort, wo er Kraft tanken kann. Bei der Sparkasse Lemgo ist der gelernte Bankkaufmann im Vermögensmanagement tätig. Ein außerordentlich vertrautes Verhältnis pflegt der Ex-Armine zu Roland Kopp, ebenfalls auf der „Alm” einst fußballerisch aktiv . Wenn die Nächte kälter werden und es zeitiger dunkel wird, dann lässt er die Murmel im Detmolder Soccer Dome, betrieben von Kopp, kreisen. Über Stock und Stein, dies mit einem erhöhten Adrenalinspiegel, geht es mit dem Mountainbike, eine weitere Leidenschaft vom vielseitig interessierten Tonn. Freunde der Sonne, lasst uns auf seine Fußball-Vita blicken. Sein Heimatverein ist der SV Hörstmar, zeigte er dort doch bis zur A-Jugend seine Kunststücke am Spielgerät. Es folgte die Landesliga-Zeit bei den A-Junioren vom TBV Lemgo, spielte er auch in seinen vier Senioren-Spielzeiten stets überkreislich. Zwei Saisons war er in der Bezirksliga, je eine in der Landes- und sogar Verbandsliga. Was für ein sagenhaftes Timing der Jahnplatz-Jungs, standen sie nur zweimal an der Tabellenspitze der Landesliga – ausgerechnet am ersten und am letzten Spieltag.

 

 

 

Tore am Fließband produziert

 

In der Verbandsliga sicherten sich die Lemgoer die Spielklasse, was Tonn als „riesigen Erfolg“ bezeichnet. So einige Weggefährten sind allerdings weiterhin im Gedächtnis. Wie etwa sein Coach in der A-Jugend vom TBV Lemgo, Wolfgang Schlichthaber. Vier Jahre trainierte er Tonn. Erst beim TBV, später auch in Paderborn. „Er hatte viel Fachkompetenz, einen enormen Ehrgeiz.“ Die gemeinsamen Erfolge bestätigten die gute Arbeit. Im August 1986 gewannen die Hansestädter satt mit 6:2 gegen Sennestadt. Tonn schoss Tore wie am Fließband. In seinen ersten drei Seniorenjahren war er immer Torschützenkönig. Seine bemerkenswerte Trefferfolge hat er noch dreieinhalb Jahrzehnte danach im Hinterkopf. „30, 31, 31 Tore“, verrät er Lippe-Kick lippisch-sachlich.

 

Erste Begegnung mit Middendorp und Arminia

 

 

Nicht minder beeindruckend war der Sprung in den DFB-Pokal – gegen den taufrischen Bundesliga-Absteiger FC Homburg, mit Libero Christian Streich angereist. Tonn durfte dem aktuellen SC Freiburg-Coach und einen der charismatischsten Typen in Fußball-Deutschland allerdings nicht mit dem TBV Lemgo duellieren. Schließlich zog es ihn 1988 zur Arminia nach Bielefeld. Dem damaligen Drittligisten. Für Tonn war Ernst Middendorp „der beste Trainer.“ Diese Lobeshymne mutet auf den ersten Blick etwas seltsam an, war es doch der spätere Bundesliga-Trainer, der Tonn aussortierte. Nachtragend ist Tonn keineswegs, hat er dem aktuellen Coach vom südafrikanischen Verein SA Saint George doch so einiges zu verdanken. „Middendorp war ein harter Hund“, gibt er zu. Ebenso, dass dessen Entscheidung „mich sehr enttäuscht hat. Fachlich und menschlich.“ Die gnadenlose Ehrlichkeit, ebenso ein hohes Maß an Empathie, hat ihn dennoch beeindruckt. Eine kleine Anekdote unterstreicht dies. Es war Tonns Anfangsphase bei der Arminia. Wir schreiben den Januar 1989. Eine Woche Trainingslager in Rheine. Tonn, weitsichtig zweigleisig planend, absolvierte dazu noch seine Ausbildung bei der Sparkasse. Die Anforderungen für Körper und Geist waren enorm. Immerhin stand doch die Zwischenprüfung an. Tonn konnte seinen fußballerischen Werkzeugkasten nicht voll entfalten lassen.

Das erkannte auch Middendorp, der ihn direkt ansprach: „Du bist doch gar nicht bei der Sache. Fahr nach Hause, mach deine Prüfung, komm dann wieder.“ Am gleichen Abend fuhr ihn ein Bielefelder Vorstandsmitglied zurück nach Lemgo. Nach bestandener Prüfung gab er sein Comeback im Trainingsbetrieb. „Ich fand das von Ernst Middendorp einfach nur klasse”, schnalzt er via Lippe-Kick mit der Zunge ob dieser Rücksichtnahme vom Coach.

 

„Ein richtiger Schlag ins Gesicht“

 

1990 endete nach zwei Spielzeiten durchaus jäh wie überraschend Tonns Kapitel beim Deutschen Sport-Club. Immerhin war er doch stets Stammspieler gewesen, errang sogar im zweiten Jahr die Oberliga-Meisterschaft. Die Aufstiegsrunde für die 2. Bundesliga war die Belohnung für den ostwestfälischen Traditionsverein. Auch Peter Tonn freute sich wie Bolle, doch erlebte ein böses Wunder. Im Abschlusstraining vor dem Aufstiegsmatch gegen die Reinickendorfer Füchse aus Berlin teilte Middendorp dem verdutzten Tonn quasi im Vorbeigehen mit: „Peter, du bist raus. Du bekommst keinen neuen Vertrag.“ Puh, erst einmal sacken lassen. Es gibt Leute, die hätten sich gnadenlos betrunken nach so einer Hiobsbotschaft. Das bestimmt nicht mit Apfelschorle.

Nicht so der charakterfeste und selbstbewusste Tonn, der trotzdem kein Geheimnis aus seiner Gefühlswelt machte: „Das war ein richtiger Schlag ins Gesicht.“ Middendorp aber vertraute lieber anderen Akteuren. Dabei befand sich Tonn mit 23 Jahren doch im besten Fußballer-Alter, schoss mit zehn Toren die zweitmeisten nach Manfred Lonnemann, dem Stürmer, der eine Saison die Kapitänsbinde trug. Jaja, der Profifußball. So unberechenbar wie das Wetter in diesem Wonnemonat Mai.

 

Die leidenschaftliche Kommunikation des Peter Tonn

 

Voller Groll ist Tonn dennoch nicht. „Middendorp ist ein super Trainer, hat uns stets bestens eingestellt. Dass ich zur Arminia gewechselt bin, davon habe ich viel gelernt.“ Warum denn? „In Lemgo war ich der Mann schlechthin.“ Allerdings einer, der gerne und viel sprach. Dies auch sehr leidenschaftlich, weshalb er sich selbst als einen „Hitzkopf“ bezeichnet. Zu häufig kassierte er eine damals noch übliche Zehn-Minuten-Strafe vom Schiedsrichter, der nicht zu ausgiebig mit dem emotionalen Tonn reden wollte. Aber lasst uns doch chronologisch werden. Wir gehen zurück an den Anfang, als Tonn 1988 bei der Arminia anheuerte. Der Gang nach Bielefeld hat ihn auch menschlich nach vorne gebracht, hat er nunmehr den Fokus auf das Fußballspielen legen können. Bei der Arminia musste er sich unterordnen, war Peter Tonn dort nicht mehr das fußballerische Nonplusultra, sondern nur noch einer unter vielen.

 

„Bitteres Fußballerlebnis“ gegen Bochum

 

Es gab keine Ressentiments gegen den Lipper, nein, der Zusammenhalt war gut. Doch Arminia war eben eine andere Welt als Fußball-Lippe. Eine Welt voller Ellenbogen. Peter Tonn wusste diese geschickt einzusetzen, schlug sich achtbar, erlebte einiges, womit er seine Kinder und Enkelkinder gebannt lauschen lassen kann. In seinem ersten Jahr, wir schreiben das EM-Jahr 1988, bestritt die drittklassige Arminia im August das DFB-Pokal-Spiel gegen den Bundesligisten VfL Bochum. Heldenhaft lagen die Bielefelder bis zur 91. Spielminute mit 1:0 in Führung. Dann jedoch nahm das Unglück seinen Lauf. Die damals noch zu Recht als die „Unabsteigbaren“ titulierten Jungs von der Castroper Straße bekamen und verwandelten in der Nachspielzeit erst einen Elfmeter, ehe sie in einem wahren Sturmlauf mit 4:1 nach Verlängerung gewannen. Für Tonn war dies ein „bitteres Fußballerlebnis.“

 

Zu früh gefreut

 

Wobei, dieses Do-or-Die-Match schindete mächtig Eindruck. Tonn schildert mit glänzenden Augen: „Die Euphorie wurde durch dieses Spiel herbeigeführt. Mit dieser Leistung kamen die Zuschauer wieder zurück. Knapp 10.000 Zuschauer pro Spiel.“ Und noch mehr. Wie etwa im März 1989, als der ewige Rivale SC Preußen Münster auf die „Alm“ kam, mit 3:1 triumphierte. 17.500 Zuschauer brachten die Bretterbude zum Beben. Tonn war für die Ergebniskosmetik zuständig. Mit seinem Ehrentor. Bielefeld errang die Vizemeisterschaft, spielte daher mit um die Deutsche Amateurmeisterschaft. Im selben Monat markierte Tonn einen Dreierpack gegen die SG Wattenscheid 09, wurde danach direkt mit einem neuen Vertrag belohnt. Im Mai 1989 reichte ein Remis beim VfB Rheine zum Aufstieg, doch Bielefeld verlor unglücklich mit 1:2. „Bielefeld war geschmückt, alles war auf die Feier vorbereitet. Nach dem Spiel fuhren wir bedröppelt nach Hause, ein ganz bitteres Erlebnis”, macht Tonn dabei eine Miene, als hätte er schwungvoll ein Glas Bitter Lemon auf ex getrunken.

 

Tunnler für Yves Eigenrauch

 

Arminia Bielefeld war eine ganz andere Welt. Eine, wo man mit einem Kulturbeutel zu den Spielen fuhr. Die DSC-Fans waren schon damals euphorisch, peitschten ihr Team frenetisch nach vorne. „Ich fühlte mich wie ein Profi, nur in der 3. Liga.“ Dass er keinen Profi-Vertrag erhielt, hatte seine Gründe. Denkbar knapp verpasste er diesen, lag dieser doch unterschriftsreif vor ihm. Es war der damalige Vorstand der Sparkasse Lemgo, zugleich beim Handball-Bundesligisten TBV Lemgo aktiv, der Tonn zu verstehen gab: „Beides gleichzeitig würde ich nicht richtigmachen. Erst kommt die Ausbildung, denn Fußball spielen kannst du immer noch.“

Als die Bielefelder aus der 2. Bundesliga abstiegen, wechselte Tonn mit einjähriger Verspätung dorthin. Ein Training ist bis heute unvergessen. „Yves Eigenrauch (Anm. d. Red.; später Bundesliga-Spieler, unter anderem beim FC Schalke 04) kam aus der A-Jugend, trainierte das erste Mal bei uns mit. Ich habe ihn getunnelt, er ist rot angelaufen, hat mich weggeflext. Er hat vom Biss und Kampf gelebt. Damals hat er voll dahin gepasst, heute sind sie taktischer und sehr durchtrainiert. Technisch war er auch nicht so ausgereift“, so Peter Tonn. Gerne steigt er kurz ein in den Nostalgie-Zug, erinnert sich an weitere Mitspieler wie Wolfgang Kneib, Thomas Stratos und Andreas Ridder. Die Chronistenpflicht verbietet es, eine Sache gänzlich unter den Teppich zu kehren. Eine Spielzeit kickte er noch für den Liga-Konkurrenten TuS Schloß-Neuhaus.

Dies mehr schlecht als recht. Er macht aus seinem Meinungsbild kein Geheimnis, wenn er bei Lippe-Kick offenbart: „Das war persönlich das schlechteste Fußball-Jahr – mit der größten Enttäuschung. Da kam ich nicht mehr richtig in Gang. Es hat nicht funktioniert“, weshalb er schnell weiterzog – zum geliebten und bekannten TBV Lemgo in die Landesliga.

 

Legendäre Zeit in Lüdenhausen

 

Nach einer kurzen Stippvisite bei seinem Heimatverein übernahm Peter Tonn mit 28 Jahren den Job als Spielertrainer beim A-Ligisten TuS Lüdenhausen. Mit den Kalletalern stieg er 1999 in die Bezirksliga auf. Die Bedeutung für den kleinen Verein, im Konzert der ganz Großen mitzuspielen, war immens. Tonn blickt wehmütig zurück: „Für den TuS Lüdenhausen waren in der Bezirksliga alle Spiele „besonders.“ Wobei, auch diese Nachfrage wird von ihm geschickt umkurvt wie eine Verkehrsampel bei Gelb von einem schnittigen Sportwagen. Ein Erfolg stach nämlich doch heraus: „Vielleicht der Gewinn der ersten Lippischen Hallenmeisterschaft unter Trainer Christian Arnold. Ich war „nur“ Spieler“, erinnert sich der Mittfünfziger bei Lippe-Kick.

 

 

 

„Die Bereitschaft war immer da.”

 

Auch weiterhin Bestand haben die damals geschlossenen Freundschaften. Fleiß – im Leben wie im Fußball, den schätzt Peter Tonn, der auch nach einigen Jahrzehnten Abstand positiv anmerkt: „Die Bereitschaft war immer vorhanden. Ich musste keinem sagen, wir haben Training. Es waren alle da, das ganze Dorf war fußballverrückt“, fungierte Peter Tonn ein ganzes Jahrzehnt beim populären Verein aus dem rund 1100 Einwohner-Dorf im südlichen Kalletal. Beim SV Werl-Aspe ging es für ihn sogar noch eine Spielklasse höher, doch es war ein kurzes, ein eher unglückliches Intermezzo von gerade einmal sechs Monaten. Es endete nämlich mit einer „Freistellung der Trainertätigkeit.“ Da Tonn ein vertrautes und erfolgsförderliches Terrain außerordentlich wichtig ist, ging er wieder als Spieler Richtung Lüdenhauser Erlenhain.

 

„Habe die Befürchtung, dass viele Jugendliche nicht mehr zurückkommen.“

 

Zugeben muss Tonn im Lippe-Kick Gespräch: „Ich bin schon verwundert, dass ich nie ein Angebot vom TBV Lemgo erhalten habe. Ich habe einen Namen, aber auch einen Gegner.“ Mittlerweile hat er trotz seiner sehr fußballreichen Vergangenheit mehr Abstand zur Balltreterei aufgebaut. Seine Familie ist für ihn eindeutig das Wichtigste, schaut er sich pro Spielzeit nur „vier, fünf Spiele“ an. Der Fußball in Lippe erlebt derzeit nicht unbedingt seine Glanzzeit. Peter Tonn hat erkannt: „Es gibt nicht das Angebot an Spielern in Lippe. Dr. Rottmann hatte schon vor 15 Jahren gesagt, wir brauchen einen FC Lippe.“ Wirtschaftsstark ist Lippe zweifelsfrei, doch die großen und starken Firmen investieren ihr Geld lieber in Arminia Bielefeld oder in die Handball-Bundesligisten TBV Lemgo Lippe und HSG Blomberg-Lippe.

 

„Der Fußball wird ein Problem bekommen.”

 

 

Tonn weiß: „Ab der Bezirksliga geht es nur noch ums Geld.“ Seinem Ex-Verein, dem TBV Lemgo, traut er die Landesliga mittelfristig definitiv zu. Immerhin verfügen sie doch über das nötige Einzugsgebiet, auch das gesamte Umfeld bietet attraktive Möglichkeiten. Ähnlich große Stücke hält er auf den Post TSV Detmold, RSV Barntrup oder auch SV Eintracht Jerxen/Orbke, dessen hervorragende Jugendarbeit er lobt. Er macht sich so einige trübe Gedanken, was den Amateurfußball angeht. „Ich habe die Befürchtung, dass viele Jugendliche nicht mehr zurückkehren. Der Fußball wird ein Problem bekommen. Ich wäre durchgedreht, wenn ich ein Jahr kein Fußball hätte spielen dürfen“, so Peter Tonn, der allerdings eine Sache nicht unerwähnt lassen möchte. Das Coachen einer „ambitionierten Jugendmannschaft“, das würde ihn so richtig reizen.

 

 

 

 

Bild-Quelle: Peter Tonn, Lippische Landeszeitung, Westfalen-Blatt, Lippische Wochenschau

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