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Kommentar – Quo Vadis Amateurfußball

Lukas Henke hat sich mit dem Thema Amateurfußball etwas näher beschäftigt. Schaut mal hier, wie er die Perspektive bewertet.

 

 

Amateurfußball, wohin des Weges?

 

NRW-Kick. Der Fußball gilt als Volkssport Nummer eins in Deutschland. Fast drei Millionen Spieler, 170.000 Mannschaften, unterhalten von circa 25.000 Vereinen, die in über 2.200 Ligen organisiert sind. Doch bloß 1.500 Spieler können damit so viel Geld verdienen, dass es zum Leben reicht. Da kommt zwangsläufig die Frage auf: Was ist mit dem Rest?

 

Ihr wollt auch neben dem Fußball Sieger sein? Dann ab zu:

 

 

 

Von Lukas Henke

 

Reykjavík, Island, im August 2019. Moment mal, Island?! Vielleicht ein eher ungewöhnlicher Einstieg, wenn es um den deutschen Amateurfußball geht, aber das ist dann wohl die persönliche Note. Ein langer Tag geht zu Ende. Es ist bereits kurz vor elf Uhr am Abend, und nebenbei bemerkt noch hell, als ich von einer langen Wanderung auf dem Heimweg bin. Ich komme an einem umzäunten Gelände vorbei.

 

Ein Fußballplatz, ein paar Werbebanden, eine Tribüne für circa 400 Zuschauer. Was anmutet wie der Platz eines Amateurclubs aus einer niederen Spielklasse, ist nichts weniger als die Spielstätte des 18-fachen isländischen Meisters und achtfachen Pokalsiegers Fram Reykjavík, der seit 2014 nur noch in der zweiten Liga Islands spielt. Natürlich – Island hat bei weitem nicht so viele Einwohner wie Deutschland
(ca. 360.000) und dementsprechend auch keine so professionell ausgeprägte fußballerische Infrastruktur wie Deutschland, vom Niveau ganz zu schweigen, aber dennoch ließ Fram mir keine Ruhe und die Frage aufkommen: Wie greifbar ist der deutsche Profifußball überhaupt noch?

 

 

 

 

Ging man früher, noch bevor die Bundesliga laufen gelernt hatte, mit den Spielern seines Heimatvereins zusammen zur Arbeit, oder trank in der gemeinsamen Lieblingskneipe ein Bier miteinander, während man über das schöne Spiel fachsimpelte, so kann man seinen Lieblingsspielern heute zwar nah sein, da diese über Social Media ihr Leben teilen – aber mal ehrlich: Wie spaßig kann es sein, überbezahlten Fußball-Millionären dabei zuzuschauen, wie sie in der heimischen Villa im Heimkino sitzen, Sportwagen in der Preisklasse eines Einfamilienhauses im Grünen durch die Gegend fahren oder ein mit Gold überzogenes Steak verspeisen?

 

 

 

 

 

 

Im Amateurfußball scheint die Zeit dagegen, wenigstens ein bisschen, stehen geblieben zu sein. Fußball ist hier nicht nur Sport, oder eine Freizeitbeschäftigung. Der Verein ist Lebensmittelpunkt, sozialer Katalysator, Gemeindetreffpunkt. Man bekommt hier noch die Dreifaltigkeit des kleinen Mannes: Fußball, Bratwurst und Bier zu erschwinglichen Preisen und kann einfach mal ehrlichen Sport bewundern, bei dem sich der Stürmer direkt wieder aufrappelt, nachdem er von der Abwehrkante des Gegners mal zünftig umgeholzt wurde.

 

 

Doch auch abgesehen vom greifbaren sportlichen Wochenend-Event um die Ecke, leistet der Amateurfußball in Deutschland Erstaunliches, wenn man nur genau genug hinschaut. Er bietet allen, ob groß oder klein, ob alt oder jung, die Möglichkeit, am Sport aktiv und passiv teilzunehmen. Er fördert Integration und Inklusion durch gemeinsamen Sport für ein besseres Verstehen und Zusammenleben. Und er bringt auch besondere Hobbykicker zusammen – wie am Beispiel des Hamburger “Knastvereins” Eintracht Fuhlsbüttel, deren Spielerkader nur aus Inhaftierten der JVA Fuhlsbüttel besteht, eindrucksvoll zu sehen ist. Durch den Fußball lernen die Gefangenen fürs Leben danach, sagt der Trainer, Gerhard Mewes. „Sie lernen Rücksichtnahme, die Schwächen anderer zu akzeptieren und Konflikte ohne Gewalt zu lösen“, sagt er.

 

Gerade hat er für seine Arbeit einen Preis der Sepp-Herberger-Stiftung bekommen. Das fand er schön. Aber es gibt etwas, das ihn noch mehr freut. Gerhard Mewes: „Wenn Schwerverbrecher nach einem Sieg in der Kabine lauthals singen und den Trainer loben, dann ist das schon toll.“ Doch egal, woher man kommt, egal, welches Trikot man trägt – wichtig ist, dass das Bier nach dem Spiel kalt steht und die Zigarette nach aufreibenden 90 Minuten mundet. Aus Liebe zum Fußball zwingen wir uns Sonntagmorgens aus dem Bett, um mit unseren Freunden auf dem Spielfeld alles rauszuhauen, was die geschundene Lunge hergibt. Aber auch im Amateurfußball ist beileibe nicht alles eitel Sonnenschein. Die allgegenwärtige Corona-Pandemie hat gezeigt, dass unser aller Lieblingssport und seine Vereine verwundbar sind. Verwundbar durch etwas, das wir mit bloßem Auge nicht einmal sehen können, und doch so viel größer zu sein scheint als wir.

 

 

Die Amateurfußball-Saison 2020/21 ist in ganz Deutschland beendet. Inzwischen sind in allen Landesverbänden die Entscheidungen über einen Abbruch der laufenden Saison gefallen. Nicht nur sportlich ist das ein Schlag ins Gesicht für viele Vereine und Mannschaften, die Aufstiege und Meisterschaften nicht feiern durften, sondern auch, weil plötzlich Zuschauereinnahmen fehlen. Dringend benötigtes Geld, das für
die Instandhaltung von Plätzen, für die Beschaffung von Materialien und Kleidung oder auch die Bezahlung der Mitarbeiter gebraucht wird.

 

 

 

Dass gleich 13 von 36 Clubs in Bundesliga und der “Zwoten” die Insolvenz droht, ist da nur die gut sichtbare Spitze des Eisbergs. Ende April drohte zum Beispiel jedem zweiten Verein der viertklassigen Regionalliga West die Insolvenz aufgrund fehlender Zuschauereinnahmen. Darüber hinaus finden sich wegen der aktuellen Lage keine neuen Sponsoren für die nächste Saison. Die langfristigen Folgen sind bisher nicht absehbar.

Und wenn in diesen Zeiten der FC Bayern München 25 Millionen Euro für einen neuen Trainer locker macht, Lionel Messi astronomische 670.000 Euro in der Woche verdient, oder die US-Amerikanische Investmentbank J.P. Morgan 3,5 Milliarden Euro für eine europäische Super League, die zwölf der reichsten (bereits von Investoren geführten) noch reicher gemacht hätte, springen lassen wollte, sorgt man sich noch einmal mehr um den Fußball vor der eigenen Haustür.

 

Und dennoch sind nicht alle Zukunftsaussichten düster und grau. Jüngst hat der Deutsche Fußballbund (DFB) mit seinem “Masterplan 2024” ein Programm zur Förderung des Amateurfußballs ausgerufen, das für alle 21 Landesverbände verbindlich ist. Der „Masterplan 2024“ soll die „Vereinsqualität verbessern und den Vereinsfußball an der Basis stärken“, heißt es in der DFB-Meldung. “Der Masterplan 2024 ist für den Amateurfußball das, was das Projekt Zukunft für den Spitzenfußball und das Projekt Zukunft weiblich für den Frauen- und Mädchenfußball sein sollen.

 

Die nachhaltige Weiterentwicklung eines flächendeckenden und leistungsfähigen Amateur- und Breitenfußballs ist für unser komplettes Fußball-Ökosystem essentiell“, meint DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch und ergänzt: „In Zeiten der Corona-Krise und angesichts deren noch nicht in Gänze abschätzbaren Auswirkungen ist der Masterplan wichtiger denn je. Amateurvereine bilden mit ihren Aktiven, ihren Frauen und Männern im Ehrenamt sowie ihren Mitgliedern eine wesentliche Zukunftsplattform zur weiteren und dringend notwendigen Aktivierung gesellschaftlicher Potenziale.” Je attraktiver wir unsere Vereine machen, die so wichtig für unser soziales Miteinander sind, desto mehr Menschen begeistern wir für den Fußball.

 

Großes gemeinsames Ziel ist es, die einmalige Chance, die die EURO 2024 in Deutschland jedem Verein zur Weiterentwicklung bieten wird, konsequent für den gesamten Fußball zu nutzen. „Wir wollen vor allem noch mehr Menschen bewegen, im Verein aktiv Fußball zu spielen“, ergänzte DFB-Vizepräsident Rainer Koch abschließend. Im Rahmen dieser infrastrukturellen Kampagne werden acht Teilziele verfolgt, darunter die Gewinnung von Spielern, Aus- und Weiterbildung von Trainern und Mitarbeitern sowie Schiedsrichtern und die Verbesserung des Zugangs zu moderner und bedarfsgerechter Sportinfrastruktur.

 

 

Beruhigt lehne ich mich zurück, in dem Wissen, dass der Amateurfußball trotzschwierigen Fahrwassers in eine sichere Zukunft steuert und auch weiterhin viel für die Menschen tun wird. Auch, wenn der Ball gerade mal nicht rollt. Dennoch wünsche ich mir ein wenig, dass der Profifußball wieder näher zur Basis zurückfindet. Denn mal ehrlich, wer von uns würde zu einem Bierchen mit seinen Helden, so sehr man sie Samstags ab 15:30 Uhr auch anschreit, schon nein sagen?

 

 

 

 

 

Die in diesem Text gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche, männliche und diverse
Personen. Auf eine Mehrfachbezeichnung oder “Gendern” wurde in diesem Artikel zugunsten einer besseren
Lesbarkeit verzichtet

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