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Interviews

Rummenigge im Lippe-Kick-Interview – Teil 2

Äußerst meinungsstark und sehr fundiert äußert sich der ehemalige Bundesliga-Star Michael Rummenigge im großen Lippe-Kick-Interview. Klickt euch mal hinein.

 

 

„Im nächsten Jahr könnte es einen anderen Meister geben.”

 

Interview (hk). Er ist weitaus mehr als nur der Bruder von Karl-Heinz. Die Karriere von Michael Rummenigge liest sich absolut vorzeigbar. 1993 führte er Borussia Dortmund in die damals noch zwei UEFA-Cup-Endspiele gegen Juventus Turin. Spitzenvereine, das konnte der Blondschopf. Der gebürtige Lippstädter spielte von 1981 bis 1988 für den FC Bayern München, ehe es ihn fünf Spielzeiten zum BVB zog. In Japan, bei den Urawa Red Diamonds, ließ er seine Karriere in den Jahren von 1993 bis 1995 ausklingen. Auch jetzt, mit 57 Jahren, ist der Familienvater äußerst umtriebig, als Spielerberater, Inhaber von mehreren Indoor-Soccerhallen, Betreiber von Fußball-Schulen und nicht zuletzt als ein meinungsstarker Fußball-Experte. Lippe-Kick-Chefredakteur Henning Klefisch hat mit ihm ein Interview geführt. Teil 2.

 

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Lippe-Kick: Vorhin haben Sie erwähnt, dass es in Deutschland eine Dreiklassengesellschaft gibt. Ich höre durchaus heraus, dass Sie bedauern, dass große Traditionsvereine nicht mehr so stark sind, wie etwa noch in den 90er Jahren.

 

Rummenigge: „Was mich wirklich gefreut hat, nicht, weil ich aus Lippstadt komme, aber dass Arminia Bielefeld mit einem 20, vielleicht 30 Millionen-Etat es geschafft hat, in der Liga zu bleiben. Das war überhaupt nicht vorauszusehen. Dann gewinnen die noch das letzte Spiel in Stuttgart mit 2:0. Da muss man den Hut vor ziehen. Auch mit dieser Besetzung. Nichts gegen Fabian Klos, aber das ist ein Zweitliga-Torjäger.“

 

Lippe-Kick: Er soll hin und wieder auch den schönen Dingen des Lebens nicht abgeneigt sein (schmunzelnd).

 

Rummenigge: „Das ist doch nicht schlimm. Was meinen Sie, was bei uns damals alles geraucht wurde. Augenthaler rauchte auch. Wenn wir zur Halbzeit 2:0 führten, hat der Klaus Augenthaler auf der Toilette erst mal eine durchgezogen. So war das damals. Zurück zur Arminia: Für die ist es nur wichtig, nicht abzusteigen.“

 

Lippe-Kick: Als Fußball-Fan bedauert man die Monotonie an der Spitze. Dennoch: Chapeau an den FC Bayern München, die sportlich und finanziell seit langer Zeit die Vormachtstellung innehaben.

 

Rummenigge: „Uli Hoeneß fing 1979 als Manager beim FC Bayern München an. Mit rund zehn Millionen DM Schulden. Dann wurde Kalle 1984 verkauft für 14 Millionen DM. Seitdem ist der FC Bayern schuldenfrei, hat nie mehr einen Kredit bei der Bank aufgenommen. Außer für die Allianz-Arena. Die ist aber ein paar Jahre vorab auch schon abbezahlt gewesen. Sie haben viel richtig gemacht, was den finanziellen Bereich anbelangt.“

 

Lippe-Kick: Jahrelang gab es etwa mit Juventus Turin in Italien und Paris St. Germain in Frankreich eine ähnliche Hegemonie in der Meisterschaftsfrage. Dieses Jahr sieht das etwas anders aus. Lille wurde in Frankreich Meister, Inter Mailand in Italien.

 

Rummenigge: „Ich finde super, dass Lille das geschafft hat. Zuletzt waren sie vor zehn Jahren Meister. Jetzt müssen sie auch wieder viele Spieler verkaufen, weil sie nur noch wenig Geld haben. Mit einem 36-jährigen türkischen Mittelstürmer Burak Yilmaz sind sie französischer Meister geworden. Manchmal funktioniert so etwas. Auch in Deutschland nur dann, wenn mal eine Mannschaft wie Bayern schwächelt. Ich denke, im nächsten Jahr könnte es einen anderen Meister geben. Das wäre nicht ganz so verkehrt. Das habe ich so im Gefühl. Mal abwarten, was mit Herrn Nagelsmann so passiert.“

 

Lippe-Kick: Glauben Sie, dass es einmal dauerhaft anders sein wird mit der Titel-Frage in der deutschen Bundesliga?

Rummenigge: „Das wird schwierig. 2007 wurde der VfB Stuttgart mal Deutscher Meister. Wolfsburg wurde zwei Jahre später mit Magath und Grafite Meister. Hoffentlich gibt es wieder Ausnahmen, weil die Leute das wollen. Wir hatten mal Kaiserslautern als Aufsteiger als Deutscher Meister. Wie lange ist das her? Jetzt sind sie in der 3. Liga glücklich gerettet. Ob das noch einmal möglich sein wird, dass so etwas kommt, weiß ich nicht. Es gibt viele gute Clubs in der Bundesliga, die Deutscher Meister werden können. Mich wundert immer, dass die Parole ausgegeben wird, wir wollen nächstes Jahr international spielen. Anstatt, dass mal die Parole ausgegeben wird, von Leipzig oder Dortmund: „Wir wollen Deutscher Meister werden.“ Na klar werden die dann immer daran gemessen. Das ist ja immer bei unseren Freunden mit den vier Buchstaben so. Dann wird man darauf festgenagelt. Da haben die aber immer Angst davor. Warum kann man das aber nicht mal eben als Parole ausgeben? Dortmund Deutscher Meister. Warum nicht?

 

Lippe-Kick: Klar, der BVB verfügt über einige Qualitäten. Abwarten, ob Sancho bleibt.

 

 

Rummenigge: „Bei ihm kommt es auch darauf an, wie er bei der EM performt. Er hat keine Ausstiegsklausel. Wer zahlt für ihn in der aktuellen Phase 100 oder 120 Millionen Euro? Vielleicht Manchester United, aber so viel Kohle haben die auch nicht.“

 

Lippe-Kick: Vor einigen Wochen gab es in der ARD eine wunderbare Gesprächsrunde. Thema: Traditionsvereine. Was machen die „großen Vereine“ falsch?

 

Rummenigge: „Traditionsvereine sind ja so Vereine wie der Hamburger SV. Da geht es um Trainerentlassungen, schlecht zusammengestellte Kader. Zu schnell werden auch die Sportdirektoren entlassen. Wenn ich mir Horst Heldt beim 1. FC Köln anschaue. Er wird entlassen und weiß nichts davon. In den Vorständen sitzen teilweise Leute, die gar keine Ahnung vom Fußballgeschäft haben und auch nicht von den finanziellen Dingen, die damit zusammenhängen. Die Konstellation mit ehemaligen Spielern, die Bayern München stets hatte, ist perfekt. Michael Zorc beweist das in Dortmund genauso. Sebastian Kehl wird nächstes Jahr sein Nachfolger. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, mir das mit Köln anzuschauen. Wer da alles im Vorstand beziehungsweise Vizepräsident ist, viele davon kenne ich überhaupt nicht. Diese Leute haben keine Ahnung von Fußball. Das tut mir furchtbar leid. Ein Fußballverein muss natürlich wie ein Unternehmen geführt werden. Aber gerade in Köln, da ist Fußball Religion. Ich habe da mal sechs Monate lang meinen Fußball-Lehrer gemacht. Das muss auch so gelebt werden. Ich weiß nicht, ob die Leute das immer so verstehen, was da vor sich geht. Ein Toni Schuhmacher war auch mal in Köln Vizepräsident. Sie haben ihn abgewählt. Ich glaube, ein Club braucht Identifikationsfiguren, die aber auch mitentscheiden können. Das haben aber nicht alle Klubs. Gerade in den Traditionsklubs tun sie sich damit unglaublich schwer.“

 

 

Lippe-Kick: Ein weiteres beliebtes Thema ist das rund um die Investoren. Jüngst sieht man das am KFC Uerdingen, wenn der Geldgeber sich zurückzieht. Wie stehen Sie zur 50 + 1 Regel, ist die Chance größer als das Risiko?

 

Rummenigge: „Ich habe zuletzt gelesen, dass Uli Hoeneß dem TSV 1860 München den jordanischen Investor Hasan Ismaik vermittelt hat. Ansonsten wären die Sechziger mausetot gewesen. 51 + 49 ist insofern immer gut. Schauen Sie sich Hertha BSC an mit Lars Windhorst und seiner Tennor Holding. Hat da einer eigentlich gefragt, wo das Geld herkommt? Die 380 Millionen Euro? Ich habe noch keinen gehört, der gefragt hat. Wer gibt das Geld? Was passiert mit dem Geld? Wofür wird das verwendet? Wie viele Anteile hat er? Dann doch lieber solche Konstellationen wie Hoffenheim mit SAP oder auch Volkswagen, Bayer. Das sind gute Konstellationen mit großen Firmen dahinter. Als ich in Japan gespielt habe, war das genauso. Da hatte jeder Verein eine große Firma im Rücken. Ob eine Bank, eine Autofirma, eine Fluggesellschaft. Und nicht so eine schwindelige Holding von Herrn Windhorst. Es ist ja schön, wenn einer Geld investieren will, aber glauben Sie mir doch nicht allen Ernstes, dass ich dafür kein Reinvestment haben will. Dass er in den zehn, fünfzehn Jahren vielleicht eventuell mal Deutscher Meister mit Hertha BSC werden will. Dass sie nun Fredi Bobic geholt haben, war ein guter Schritt. Bobic ist ein guter Mann, aber grundsätzlich gibt doch keiner einfach so Geld. Das vergessen immer alle. Es gibt bei der Hertha einen e.V., dann gibt es eine GmbH, eine AG. Dass sie als e.V. gelistet sind, ist nicht der richtige Weg.“

 

Lippe-Kick: Beim FC Augsburg ist jetzt auch ein US-Milliardär als Investor eingestiegen.

 

Rummenigge: „Mein Sohn arbeitete bei der Sportmarketing-Agentur Lagardère Sports und Entertainment.

Unter anderem war er in Augsburg zwei Jahre. Für Augsburg ist das genauso wie für Bielefeld. Wenn du die Klasse hältst, ist es so, als wenn du Deutscher Meister wirst. Solche Vereine brauchen wir. Stefan Reuter leistet in Augsburg eine super Arbeit. Seit 2011 spielt der FCA ununterbrochen in der 1. Liga. Das ist schon toll. Augsburg ist ja auch ein Traditionsverein. Bei Bielefeld macht Markus Rejek als Geschäftsführer auch einen guten Job. Was mich in Bielefeld gewundert hat, dass sie den Neuhaus rasiert haben. Er ist ein Trainer der alten Schule. Er hat Arminia hochgebracht. Stefan Kramer hat es nun vollendet. Das passt schon.“

 

 

 

 

Bild-Quelle: Michael Rummenigge.

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