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Saison 2021/22

Der Mann mit Pfiff – Teil 17: Silvio Pralat

Schweigen bedeutet Lob. Wenn über sie nicht berichtet wird, dann haben sie eine einwandfreie Leistung gezeigt. Lippe-Kick möchte in der neuen Serie den Spielleitern die Wertschätzung erweisen, die sie längst verdient haben. Klickt euch mal hinein.

 

 

Spielleitung als Therapiemaßnahme

 

Der Mann mit Pfiff (hk). Von den Schiedsrichtern wird stets verlangt, dass sie fehlerfrei agieren. Perfektionismus pur. Manche Kreisliga-Spieler schießen mehr hoch als weit, lassen den Ball vom Schienbein weiter abprallen, als andere passen können. Doch die Spielleiter, die müssen ohne Fehl und Tadel agieren, so das Anspruchsdenken einiger. Man sollte selbstbewusst sein, dazu ein hohes Maß an Souveränität und Fußball-Kompetenz ausstrahlen, um in diesem Stahlbad seinen Mann zu stehen. Auf den ersten Blick ist das Schiedsrichterdasein ein Solo-Kämpfertum. Man gelangt in eine Einzelkabine, ist auch im Spiel meistens auf sich allein gestellt. In seltenen Fällen und bei besonderen Spielen helfen Assistenten an der Seitenlinie aus. Silvio Pralat hat eine interessante Vita zu erzählen. Einst war er weit weg von Lippe, dazu ein begnadeter Kicker, vor allem ein Ultra, ehe die Pfeifenkunst eine unfassbare Faszination auf ihn ausübte.

 

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Der Fußball ist irgendwie völlig klischeebehaftet. Früher, da galt das eherne Gesetz: Die schlechtesten Fußballer gehen entweder ins Tor – oder werden eben Schiedsrichter. Wie das bei Gesetzen zuweilen so ist, werden diese auch liebend gerne gebrochen. Im konkreten Fall von Silvio Pralat etwa gestaltet sich die Gemengelage doch deutlich diffiziler. Sicherlich, seit seinem 14. Lebensjahr ist er schon der Unparteiische, doch, anders als oft im Volksmund bekannt, war er ein außergewöhnlich talentierter Kicker. „Ja, Herrschaftszeiten, jetzt halt doch mal die Goschen“, mag der eine oder andere Referee gedacht haben, der zu Pralats Spielerzeiten mit dem diskussionsfreudigen Zeitgenossen verbal aneinandergeraten ist.

Sein Mitteilungsbedürfnis auf dem Fußball-Platz war so ausgeprägt, dass sein damaliger Jugendverein Blau-Weiß Leegebruch ihm den Tipp gab, doch lieber selbst Referee zu werden. „Ich konnte es mir vorstellen und so ist es dann auch passiert“, berichtet der heute 34-Jährige gegenüber Lippe-Kick. Vor exakt 20 Jahren leitete er seine erste Partie. Dies im Altherren-Bereich. Wie es der Zufall so wollte, besaßen die damaligen Spieler ein ebenso großes Mitteilungsbedürfnis wie der damalige Schüler. Worauf er durchaus mit Stolz in seiner Stimme blickt: „Ich machte mir einen sehr guten Ruf als Schiedsrichter, da ich auch heute noch möglichst Fußballspielen lasse. Nur diskutieren mit mir, das geht nicht. Das dulde ich nicht ansatzweise.“

 

Heynemann als nahbares Vorbild

 

Pralat eignete sich zeitig eine eigene Spielleiter-DNA an, ließ nicht viel durchgehen, zog seine Linie konsequent durch. Gleich mehrere Sprossen nahm er auf der Karriereleiter. Mit 16 Jahren wurde er zum besten Nachwuchsschiedsrichter im Kreis Oberhavel gekürt. Eine Tugend, auf die er ausgesprochen stolz ist, ist seine Fähigkeit im zwischenmenschlichen Bereich. Auch der Fußballsport an sich zog ihn selbstverständlich schnell in seinen Bann. Er blickte zu Bernd Heynemann auf. Mit dem ehemaligen deutschen Spitzenschiedsrichter machte er sogar schon eine persönliche Bekanntschaft, als sie gemeinsam bei einem Hallenturnier pfiffen. Quasi ein nahbares Vorbild, was die Begeisterung deutlich steigen lässt.

 

Bierduschen beim Stahl Brandenburg-Match

 

Neben der gemeinsamen Schiedsrichterei mit dem Magdeburger Referee war es allerdings auch die Spielleitung von einem traditionsreichen Aufeinandertreffen im Landespokal in Brandenburg. Rund 800 Zuschauer wurden Zeugen, wie Stahl Brandenburg und der MSV Neuruppin um das Weiterkommen spielten. Pralat schwelgt in alten Erinnerungen: „Das war schon emotional. Ich war Assistent und die Zuschauer hinter dir ließen auch einmal Bierbecher fallen, da war richtig Tradition und Spannung drin.“ Als er auf dem Höhepunkt seiner jugendlichen Schaffenskraft stand, musste er mit 20 Jahren eine schwerwiegende Entscheidung treffen: Schiedsrichter oder Kicker. Er entschied sich gegen Letzteres, was er mit einigem zeitlichen Abstand doch sehr bedauerte.

 

„Bin gesundheitlich auf die schiefe Bahn geraten.“

 

Aus der knapp 7000 Einwohner-Gemeinde Leegebruch nahe Berlin wegzuziehen, das war weiß Gott keine einfache Entscheidung.

Doch in der Ausbildung in Osnabrück lagen stichhaltige Argumente, um der geliebten Heimat den Rücken zu kehren. Neben seinem beruflichen Fortkommen kickte er noch aktiv im Verein. Kein zufriedenstellender Status, wuchs die Sehnsucht immerhin kolossal. Er vermisste das Pfeifen doch sehr. „Ich bin dann gesundheitlich auf die schiefe Bahn geraten, war dann neun Monate in einer Klinik“, berichtet Silvio Pralat erfrischend offen über eine sehr komplizierte Zeit für ihn.

 

 

Sport wurde für Pralat unmöglich

 

Es folgte ein Umzug ins lippische Helpup, wurde er bei den dortigen Turn- und Sportlustigen Spieler und Jugend-Trainer.

Vor fünf Jahren fragte man ihn, ob er sich denn ein Comeback als Schiedsrichter vorstellen könne. Was für eine Frage. Insgeheim hatte er lange auf diese Chance gewartet, entfachte die Spielleitung in ihm einen Sturm der Begeisterung. Eine Bedingung war ihm wichtig: Er wollte nicht ganz weit unten beginnen. Schnell musste er einsehen, dass dies nicht einfach so realisierbar war. Einfluss nahm darauf vor allem auch seine gesundheitliche Verfassung, die sich stetig verschlechterte. Er fiel in eine schwere Depression, erlitt zudem ein Restless-Legs-Syndrom, weshalb er dem geliebten Sport nicht mehr frönen durfte. „Es ging einfach nicht mehr“, klagt Pralat sein Leid bei Lippe-Kick. Dass er so unverhohlen über seine psychischen Probleme spricht, ist ihm ein inneres Bedürfnis, möchte er damit auch anderen Betroffenen Mut machen, offen und ehrlich mit diesem Thema umzugehen.

 

Spielleitung als Therapie-Hilfe

 

Als eine Art Therapiemaßnahme allerdings diente die Spielleitung. Es wuchs immanent das Verlangen in ihm, endlich wieder die Pfeife in die Hand zu nehmen. „Es bedeutet mir so viel. Da bekomme ich Anerkennung und werde geschätzt, respektiert und akzeptiert“, ist dies Doping für sein Selbstwertgefühl.

Jeder ist seines Glückes Schmied. Dieses Sprichwort setzte Pralat im vergangenen Jahr in die Tat um. Er kontaktierte den Lemgoer Schiedsrichter-Boss Manfred Heinrich, um nach einem Jahrzehnt Abstinenz das Schiedsrichter-Comeback zu feiern. Wie gestaltet sich denn seine Gefühlslage nach dieser langen Pause?

„Das erste Spiel nach so langer Abstinenz war ein tolles Gefühl, aber auch nichts Neues. Nur hilft es mir sehr, gegen meine psychischen Erkrankungen, weil dieser Sport mich zu dem macht, wie ich sein kann und man akzeptiert mich, wie ich bin. Es weiß kaum einer, aber das wäre mir dann auch nicht so wichtig, weil man leider über die Jahre gelernt hat, nicht darüber zu sprechen. Aus Angst, irgendwo hingesteckt zu werden“, ist es eine wohltuende Ehrlichkeit, die er vorlebt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hertha BSC und Modelleisenbahn als Ablenkung

 

In Silvio Pralat ist ein kleiner Christoph Kolumbus auszumachen. Reisen ist seine große Leidenschaft. Es gibt Tage, da steigt er in den Zug, fährt einfach irgendwo hin, steigt spontan aus, um eine neue Stadt zu erleben. Mit allen Sinnen. Vielleicht kam dieses urbane Groundhopping auch durch seine Vergangenheit als frenetischer Fußball-Fan auf. Neben dem Amateurfußball unterstützt er ebenso hingebungsvoll Hertha BSC. Er ist bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten ein „extremer Ultra“, denn: „Die Liebe zum Verein bedeutet mir sehr viel und die Auswärtsfahrten sind immer geil, man trifft Leute von früher”, um nach einer kurzen rhetorischen Pause mit einem Lächeln im Gesicht zu ergänzen: „Freunde.“ Vielleicht auch durch die Corona-Pandemie und die damit einhergehende Häuslichkeit begünstigt ist die Modelleisenbahn ein weiteres Hobby, was bei ihm für exorbitante Begeisterungsschübe sorgt. In heimischen Gefilden einen Zug fahren zu lassen, seiner Kreativität im Modellbau freien Lauf zu lassen, ist für ihn neu, „macht aber sehr viel Spaß“, so Pralat, der dabei gerne Musik hört, zudem am Kochen seine helle Freude hat.

 

Den Rahmen schnell und deutlich abstecken

 

Wieder Spaß am Leben zu haben, das war extrem wichtig für den Mittdreißiger, der in der Spielleitung eine echte Erfüllung fand. Problemlos etablierte er sich in der Schiedsrichterzunft. Er entwickelte schnell eine „tierische Freude“, für Recht und Ordnung auf dem Spielfeld verantwortlich zu sein. „Gerade auch die Fahrten, meist mit Benjamin Löding, machen sehr großen Spaß.“ Um den möglichen Konflikten mit den Vereinen entgegenzutreten, benötigt man eine „breite Brust“, dazu ein deutlich vernehmbares Auftreten. „Ich möchte von Anfang an klarmachen, ihr könnt Fußball spielen, aber wird gemeckert oder ähnliches, musst du dann zeigen, wer die “Pfeife” auf dem Platz ist“, so Silvio Pralat nonchalant schmunzelnd bei Lippe-Kick. Um sich innerlich nicht in einen überflüssigen Stresszustand zu manövrieren, sollte vorab alles zeitnah geklärt sein. Der E-Bike-Akku sollte ausreichend aufgeladen sein. Zudem muss eine möglichst sinnvolle, weil gut zu erreichende Fahrradstrecke gefunden werden. Ein kurzer Plausch mit den Beteiligten, wo und wie der Rahmen abgesteckt wird, ein Checken der Zustände vor Ort, bevor Silvio Pralat ganz in seinem Element ist. Er trällert zum Anpfiff schwungvoll in die Pfeife. Was für ihn zugleich auch einen Anpfiff für ein neues Leben bedeutet.

 

 

 

 

Bild-Quellen: Silvio Pralat.

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