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Saison 2021/22

Der Mann mit Pfiff – Teil 19: Raphael Gamm

Schweigen bedeutet Lob. Wenn über sie nicht berichtet wird, dann haben sie eine einwandfreie Leistung gezeigt. Lippe-Kick möchte in der neuen Serie den Spielleitern die Wertschätzung erweisen, die sie längst verdient haben. Klickt euch mal hinein.

„Man sollte der Diskussion nicht aus dem Weg gehen.“

Der Mann mit Pfiff (hk). Von den Schiedsrichtern wird stets verlangt, dass sie fehlerfrei agieren. Perfektionismus pur. Manche Kreisliga-Spieler schießen mehr hoch als weit, lassen den Ball vom Schienbein weiter abprallen, als andere passen können. Doch die Spielleiter, die müssen ohne Fehl und Tadel agieren, so das Anspruchsdenken einiger. Man sollte selbstbewusst sein, dazu ein hohes Maß an Souveränität und Fußball-Kompetenz ausstrahlen, um in diesem Stahlbad seinen Mann zu stehen. Auf den ersten Blick ist das Schiedsrichterdasein ein Solo-Kämpfertum. Man gelangt in eine Einzelkabine, ist auch im Spiel meistens auf sich allein gestellt. In seltenen Fällen und bei besonderen Spielen helfen Assistenten an der Seitenlinie aus. Nun haben wir den juvenilen Raphael Gamm näher im Blick.

 

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Von Henning Klefisch

 

 

Raphael Gamm gilt als junges Küken in der lippischen Schiedsrichtergilde. Seit erst eineinhalb Jahren ist er dabei. Nein, der 16-Jährige erzählt hier keine Heldensaga. Eine Saga von Kindheitserinnerungen über die glänzende Glatze und dem unerschütterlichen Blick vom Italiener Pierluigi Collina etwa. Oder von der piepsigen Stimme und dem eleganten Laufstil eines Dr. Markus Merk. Bei Gamm waren diese Bewunderungsmechanismen schlichtweg nicht existent. Es ist bei ihm vielmehr eine intrinsische Motivation, die ihn für die Spielleitung begeisterte. Am ehesten erfüllen Manuel Gräfe und Deniz Aytekin die Eigenschaften von einer smarten Spielleitung. Offenherzig plaudert der Schüler folglich auch via Lippe-Kick: „Das Interesse, als Schiedsrichter tätig zu sein, kam ganz von mir allein, da mich der Fußball und gleichzeitig diese Tätigkeit immer schon interessiert hat. Da der Schiedsrichter meiner Meinung nach für das Spiel der wichtigste Mann ist, hat mich diese Aufgabe sehr gereizt.“ Ein weiterer Vorteil, der für ihn das Pendel zugunsten der Unparteiischen-Rolle ausschlagen ließ: „Zudem bin ich der Meinung, dass ich mich als Schiedsrichter und gleichzeitig aktiver Fußballer im Spiel in vielen Situationen auch in die Rolle des Spielers hineinversetzen kann und die Aktionen gut bewerten kann.“

„Der Mix aus sportlicher und mentaler Anstrengung.“

 

 

Der Fußballsport an sich zog Gamm schon als kleinen Scharwenzel in seinen Bann. Mit reichlich Enthusiasmus jagte er dem Objekt der Begierde hinterher. Da er von Natur aus ein neugieriger Zeitgenosse ist, wollte er die Spielleitung nun einmal selbst ausprobieren.

Die damals noch unüberwindbare Hürde: Er war zu jung. Deshalb startete er erst mit 15 Jahren eine neue Karriere. Er absolvierte den Schiedsrichter-Lehrgang, bestand mühelos die theoretische wie praktische Prüfung. Der Weg in die Schiedsrichterei war somit geebnet. Welche Inhalte haben ihn denn im Speziellen so fasziniert? „Wie ich schon angedeutet habe, hat der Schiedsrichter maßgeblichen Anteil am Spielgeschehen und trifft wichtige Entscheidungen. Gerade der Mix aus sportlicher wie auch mentaler Anstrengung, auf dem Platz immer die richtigen Entscheidungen zu treffen und immer nah am Ball zu sein, so wie der persönliche Kontakt mit den Spielern macht mir Spaß“, zählt er die Attribute auf, die das Wirken als Referee so spannend gestalten.

 

Premieren-Match ist sehr erinnerungswürdig

 

An das erste Mal erinnert sich jeder am besten. Für die Schiedsrichter im Allgemeinen und bei Raphael Gamm im Speziellen ist das nicht anders. Er zoomt sich rund 18 Monate zurück, verschafft er Lippe-Kick einen exklusiven und spannenden Einblick in seine Gefühlswelt: „Vor allem mein erstes Spiel bleibt mir stark in Erinnerung, da es das aufregendste Spiel war und es sich für mich ungewohnt angefühlt hat, nicht zu den Spielern zu gehören, sondern als Unparteiischer zu agieren.“ Bis dato war er ausschließlich bei Begegnungen von Jugend- und Frauen-Mannschaften eingeteilt. Hier lobt er ausdrücklich den „meist respektvollen Umgang“ miteinander. Es geht aber auch anders, wie er nicht verschweigen möchte: „Aber durch meine Schiedsrichter-Kollegen hört man natürlich auch von Vorfällen, die einem zum Nachdenken anregen, aber nicht abschrecken.“

 

Mehr Respekt für diese Aufgabe

 

Als Spieler kennt man es nur allzu gut. Wovon träumt man denn so? Als Torwart von einem tollen Save, als Abwehrmann von einer gelungenen Grätsche, als Mittelfeldakteur von einem Zauberpass, und wenn man Stürmer ist, lacht natürlich das Herz und es werden erquickliche Hormone verströmt, wenn man selbst das Netz zappeln lässt.

Anonymität,  Unscheinbarkeit, das ist das höchste Gut für einen Spielleiter. So findet es zumindest der Teenager, anmerkend: „Im Grunde sollte der Schiedsrichter auf dem Feld im besten Falle nur eine Randfigur sein, weshalb ich keine große Dankbarkeit von Personen erwarte. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass man diese Aufgabe mehr respektiert.“

 

Souveränität hilft enorm

 

Ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein, dazu eine wohltuende Stressresistenz sind zwei Eigenschaften, die als Basistugenden herhalten. Schließlich möchte Gamm nicht unerwähnt lassen: „Gerade bei Entscheidungen, die falsch sind, sollte man sich nicht aus dem Konzept bringen lassen und sich weiter auf das Spiel konzentrieren. Zudem ist man ständig in Kontakt mit Spielern, Funktionären und auch Zuschauern, weshalb es wichtig ist, der Diskussion auf dem Platz nicht aus dem Weg zu gehen.“ Cholerische Zeitgenossen, die rasend schnell zum Wüterich werden, sollten lieber die Finger von der Pfeifkunst lassen. Merke: Wer selbst souverän ist, strahlt automatisch auch Souveränität auf die anderen Mitwirkenden aus.

 

 

Viel Gesprächs- und Protokollarbeit

 

Wie sieht so ein normaler Matchday für einen Schiedsrichter denn aus? Gamm zählt auf: „Als Erstes packe ich meine Sporttasche, welche aus den verschiedenen Schiri-Trikots und Hosen besteht  – plus dem gewöhnlichen Equipment wie der Pfeife, Spielberichtskarten, Schiedsrichteruhr, rote/gelbe Karte.“ Es folgt die Fahrt zum Spielort. Rund 35 Minuten vor dem Anpfiff betritt Gamm das Gelände, um einige Inhalte vorab mit den Trainern abzuklären. Worum geht es konkret? „Am Anfang spreche ich mich mit den Trainern ab, mit welchen Trikots sie spielen wollen und ob es sich mit denen der gegnerischen Teams überschneidet.“ Nach Freigabe durch die beiden Coaches, füllt Gamm die Spielberichtskarten aus, zieht sich um, bevor er die Partie mit einem lauten Pfiff startet. „Im Nachgang trage ich dann den Spielbericht auf DFB.net ein“, ist per se viel Protokollarbeit als Spielleiter nötig. Aber noch mehr Herz.

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