Connect with us

Unvergessene Vereine

Unvergessene Vereine – FC Fortuna Lage

Viele aktive Kicker kennen diesen Verein wohl nicht mehr. Die Fortuna aus Lage, ein Prototyp für unsere Serie „Unvergessene Vereine.“ Rino Di Paterniano blickt für und mit Lippe-Kick zurück auf eine völlig andere Zeit.

Ein kurzes, aber intensives Gastspiel

Unvergessene Vereine (hk). Knapp 35.000 Einwohner wohnen in Lage, der selbsternannten Stadt des Sports. Mit Blick auf die Fußballvereine hat die Zuckerstadt so einiges zu bieten. Der Platzhirsch mit dem klangvollsten Namen ist der ehemalige Verbandsligist SuS Lage. Seit Sommer 2019 gibt es zudem den FC Cavo Lage in der Kernstadt. In den vielen Ortschaften wird ebenfalls munter gekickt. In Vereinen wie dem TuRa Heiden, RSV Hörste, BSV Müssen, TuS Kachtenhausen, Spielvereinigung Hagen/Hardissen und der FSG Waddenhausen/Pottenhausen. Ein vergleichsweise flüchtiges Gastspiel, von Anfang der 70er Jahre bis Mitte der 80er Jahre, gab die Fortuna aus Lage. Der ehemalige Fortuna-Kicker Rino Di Paterniano blickt auf diese besondere Zeit zurück.

Dieser Bericht wird präsentiert von:

 

 

Von Henning Klefisch

 

 

Als in der Lagenser Gaststätte Berg, betrieben vom Pächter Friedel Schling, der Verein 1971 aus der Taufe gehoben wurde, da war die Zeit mit heute nicht vergleichbar. Die Menschen trugen Schlaghosen und Plateau-Schuhe und die Charts eroberte Thom Pace mit dem Hit „Maybe.“ Vielleicht haben die Fortunen dieses Lied im Hintergrund gehört, als sie sich rund um den Rasenplatz am Hudeweg in Hardissen versammelten, um über ihren neuen Stolz, den ins Leben gerufenen Fußballverein Fortuna Lage zu sprechen. „Friedel Schling war ein total fanatischer Fußballer, ein lieber Mensch. Er hat sogar den Schiedsrichter gemacht“, erklärt der mittlerweile 71-jährige Di Paterniano, der Vater vom TuRa Heiden-Obmann Manuel Di Paterniano ist. Es ist nicht so, dass Meisterschaften und Pokal-Siege in Übermaß gefeiert wurden. Um ehrlich zu sein, ziert der Briefkopf der Aufstieg in das Detmolder Kreisunterhaus im Sommer 1983. Dazu sind auch Aufeinandertreffen mit dem Traditionsverein SG Wattenscheid 09 als besonderes Ereignis einzuordnen. Bernhard „Ennatz“ Dietz pflegte zur Fortuna eine freundschaftliche Beziehung, weshalb man sich gegenseitig besuchte, gegeneinander antrat. Entweder in Hardissen oder eben in Schöppingen, einer rund 8000 Einwohner-Stadt im Kreis Borken. Dort stammte der ehemalige Fortuna-Kicker Klaus Pohl ab, deshalb die freundschaftliche Beziehung.

 

Fortuna Lage mobilisierte die Massen

 

Zu Beginn der Vereins-Historie machte die Fortuna mächtig Radau, entwickelte sich hervorragend. Was zur damaligen Zeit nicht alltäglich war: Eine Mädchen-Mannschaft im Teenie-Alter gehörte dem Verein an. „Fußballerisch waren die ganz gut“, erinnert sich der Deutsch-Italiener im Lippe-Kick-Gespräch. Sie schnupperten sogar am Sprung in die Landesliga. Damals glichen Sportfeste noch Veranstaltungen mit Volksfestcharakter. Das Internet gab es in dieser unbeschwerten Zeit noch nicht, das Vereinsleben erfreute sich allergrößter Beliebtheit. Der Sportplatz am Hudeweg platzte aus allen Nähten. Auch bei Liga-Spielen durfte sich Fortuna Lage einer treuen Unterstützung sicher sein. Bis zu 60 Zuschauer besuchten die Spiele. Insbesondere die Zuckerstadt-Derbys weckten das Interesse in der Bevölkerung. Di Paterniano wirft den Gedächtnisapparat an: „Mein Vater hat beim SuS Lage in der Verbandsliga gespielt, er war ein Kampfschwein. Die Lagenser meinten, sie wären etwas Besseres.“ Wenn der joviale Di Paterniano anfängt, dann lauscht man gebannt, ist der rüstige Rentner doch ein außerordentlich guter Erzähler, der sich keineswegs der Phrasendrescherei verdächtig macht. „Heiden hat bei uns permanent eine Klatsche kassiert. In Müssen haben wir oft auf deren Sportplatz verloren.“ Durch persönliche Kontakte sei der Draht nach Pottenhausen sehr eng gewesen, oder auch nach Hagen/Hardissen mit den ehemaligen Recken wie Molly Pook oder Jürgen Beulen. Das Problem für die Fortuna: Die besten Spieler wurden meist von den Lokalrivalen abgeworben, was ein Einspielen einer bestehenden Achse somit verhinderte.

 

Vielseitig talentierte Truppe

 

Ohne den Bieverleger Hans Loose wäre die Idee einer Vereinsgründung niemals in die Tat umgesetzt worden. Peter Wrede war für das Fertigen der Urkunden zuständig. Zum Torschützenkönig mutierte Rino Di Paterniano, der jeweils um die 40 Tore zum Gesamterfolg beisteuerte. Bei den Mitspielern berühmt, bei den Gegenspielern gefürchtet, war seine „brutale Schere.“ Diese kam stets dann zur Anwendung, wenn ein Gegenspieler durchkam. Die Mannschaft war gespickt mit Technikern und Kämpfern. Leistungsträger Wolfgang Hinz war ein echter Anführer, Ernst Demske ein formidabler Techniker. „Er lauerte meist vorne im Sturm, war relativ entspannt. Er hat sich oft nur darüber aufgeregt, wenn er den Ball nicht bekommen hat. Das meist unter der Dusche, nicht auf dem Platz.“ Ein Filet-Fußballer, der den Ball sehr liebevoll behandelte, war Emil Dausgard, der allerdings nur „ein kurzes Gastspiel gab“, wie Di Paterniano bei Lippe-Kick berichtet. Wenn mal „Not am Mann war“, dann war Günter Gottschalk auch mit von der Partie. „Er war ein ganz ruhiger, stiller Mittelfeldspieler“, beschreibt ihn der Familienvater, ja sogar Großvater. Und zählt weiter auf: Rocco Di Paterniano war der Torwart, Olaf Küstermann im Mittelfeld, ein guter Techniker. Das Kampfschwein war Aki Born, läuferisch gut, technisch nicht schlecht. Er hat nie aufgegeben. Oder Klaus Pehle, der Milchmann. Er war sehr ruhig, hatte eine feine Technik, so wie Wolfgang Weber. Pohl, der gebürtige Schöppinger, „war der Kleinste, pfeilschnell, im offensiven Mittelfeld beheimatet.“ Der Kader-Architekt dieser illustren Truppe ist Rudi Hilkermeier gewesen, der mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche seine Spieler anleitete. Warum kam es zum Ende? Di Paterniano Senior, der schon mit Anfang 20 Familienvater war, baute 1983, verließ den Fußball-Verein. Er musste für den Hausbau viel Geld verdienen. Auf Montage, da bot sich hierfür die Möglichkeit. Oft war Di Paterniano unter der Woche beruflich in Berlin. „Dort gab es acht Prozent mehr auf brutto, das steuerfrei. Drei Jahre war ich dort, oft nur am Wochenende zu Hause.“ Für den Fußball fehlte daher schlichtweg die Zeit. 1985 löste sich der Verein dann komplett auf. Rino Di Paterniano melancholisch: „Es ist alles eingeschlafen. In der Gaststätte ist die Pacht ausgelaufen.“ Dies kam noch dazu.

 

Bild-Quelle: Rino Di Paterniano.

More in Unvergessene Vereine

%d Bloggern gefällt das: