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Historisch

Historisch – Yunus Lemgo

Möglicherweise sind die größten Momente der Yunus-Historie zu schnulzig, um wahr zu sein. Egal, kommt mit auf eine Zeitreise und gebt euch den K(l)ick.

 

„Wir haben nicht einen Tag an der Meisterschaft gezweifelt“

 

Historisch (hk). Vielleicht dient der Stoff, aus dem der Yunus Lemgo-Historisch-Bericht gestrickt wird, sogar für einen Hollywood-Film. Okay, ich übertreibe vielleicht etwas. Doch zumindest ein schöner Samstag-Abend-Movie im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen könnte mit diesem Inhalt gefüllt werden. Einem Inhalt von mehreren Freunden, die sich aufmachten, einen kleinen Verein in das Lemgoer Kreisoberhaus hochzuschießen – mit Herzblut, Kameradschaft und ganz viel Talent. Begonnen hat das Drehbuch allerdings zumindest für einige mit einer großen Enttäuschung, wie euch Lippe-Kick im folgenden Text etwas näher erläutert. Taucht mit ein in die Yunus Lemgo-Erlebniswelt, Freunde der Sonne.

 

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Von Henning Klefisch

 

 

Der mittlerweile 36-jährige Yusuf Yeldan, nebenbei mit einem prächtigen Gedächtnis ausgestattet, hat viel erlebt in seiner Vita als lippischer Amateurfußballer. Zunächst durchlief er die Jugend beim TBV Lemgo. Als A-Jugend-Kicker in der Spielzeit 2004/05, da kickte er beim TuS Lüdenhausen, zusammen mit grandiosen Fußballern wie Onur Salih Güler,  Tuna Basokur, Alexander Binder und Ufuk Basaran. Freunde, was für eine Zeit war das zu Beginn des neuen Jahrtausends. 2005 ging es, Güler im Schlepptau, zurück zum Heimat- und Herzensverein TBV Lemgo, mit dem er ebenfalls höherklassige Luft schnuppern durfte. Muss man nicht vielleicht ein wenig fußballverrückt sein, um von der Bezirksliga hinab in die B-Klasse zu wechseln? Ging so, denn das Landesliga-Intermezzo in der Spielzeit 2009/10 mit Abstiegsrang 16 und 15 Punkten entwickelte sich für den TBV Lemgo eher zu einer Geisterfahrt, stieg doch die Mannschaft um die Freunde Dincer Delen, Tuna Basokur, Serkan Erdem und Yusuf Yeldan relativ sang- und klanglos ab (siehe https://www.lippe-kick.de/mannschaft/tbv-lemgo/). Dann kickten sie gemeinsam in der Bezirksliga für den TBV Lemgo.

 

Erst die Pflicht, dann die Kür

 

Für die vier Freunde war die nächste Station Yunus Lemgo. Die Delphine schrieben fußballerisch bislang keine großartigen Schlagzeilen, spielten maximal in der B-Liga, in der eine Vizemeisterschaft 2006 als größter Erfolg verbucht wurde. Die Ambitionen vergrößerten sich erheblich, das Sehnsuchtsziel wurde klar ausgerufen. Es sollte doch zum ersten Mal in der Vereinshistorie der Sprung in das Lemgoer Kreisoberhaus gelingen. Die Mischung, bestehend aus den Ausnahmespielern vom TBV Lemgo, gespickt mit den jungen, hungrigen Wilden, war sehr verheißungsvoll.  Cüneyt Kurt (Bild rechts), Yunus-Legende und einer der Garanten für den Erfolg, benennt bei Lippe-Kick die Hintergründe: „Das Projekt war reizvoll und die Spieler mit türkischen Wurzeln beim TBV konnten von einem Wechsel überzeugt werden. Manch (selbsternannter) lippischer Fußballexperte mochte es damals und heute nicht glauben, aber bei Yunus Lemgo gab und gibt es kein Geld für die Spieler. Umso überraschender war für alle der Wechsel auf die West-Alm.“ Der monetäre Anreiz war es also nicht, der ausschlaggebend war. Vielmehr war es der innere Antrieb, der sportliche Reiz, wollte man doch seine fußballerische Kompetenz auf dem Spielfeld demonstrieren. Mit bemerkenswerten Darbietungen stillten sie die Sehnsüchte mit Leben. Unbesiegt marschierte Yunus in der Spielzeit 2011/12 zur Meisterschaft und Kurt fragte sich etwas verdutzt: „Wann ist das im Kreis Lemgo jemals einer Mannschaft in der Kreisliga B gelungen?“ Selten gelang solch eine Dominanz, so viel darf verraten werden. Bevor die Kür mit dem erstmaligen Sprung in die A-Klasse gelang, musste jedoch in der Spielzeit 2010/11 die Kür gelingen. Der Klassenerhalt wurde mit gezielten Verstärkungen wie mit Gökhan Cabuk (TSV Horn), Kenan Sayan und Volkan Erdem (beide TuRa Heiden) geschafft, die allesamt in der Winterpause den Weg auf die West-Alm fanden.

 

 

 

 

Sen/Akcay als legendäre Aufstiegsmacher

 

Vor der Aufstiegssaison verbesserte sich die Kaderqualität stetig. Mit viel Weitsicht und guten Kontakten konnten dann neben den vier Spielern vom TBV Lemgo (Yusuf Yeldan, Dincer Delen, Tuna Basokur und Serkan Erdem (Bild rechts) auch Ausnahmekönner wie Cüneyt Bal (TuS Lockhausen), Cihan Deniz (Bild links; FC Stukenbrock) und Muhammed Eyigün (A-Jugend-TBV Lemgo) auf die West-Alm gelockt werden. Schnell erwiesen sich diese Neuankömmlinge als echte Verstärkungen, die mit dem bestehenden Kader hervorragend funktionierten. Wie aus einem Guss spielte Yunus, war fußballerisch, taktisch und athletisch auf einem ansprechenden Niveau unterwegs. Die Sorge, wie die neu zusammengestellte Mannschaft performen würde, wurde alsbald ad acta gelegt. „Wir haben gesagt, wir versuchen das“, gibt Yusuf Yeldan zu, der die Marschrichtung noch klar im Kopf hat. „Wir wollten versuchen, dass Yunus zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Kreisliga A aufsteigt.“ So habe man sich damals gesagt, „was wir beim TBV konnten, können wir bei Yunus auch. Nämlich aufsteigen.“ Das Trainer-Duo Levent Sen und Levent Akcay führte Yunus 2011 zum historischen Aufstieg in die A-Klasse. Bekanntlich hat der Erfolg viele Väter, während der Misserfolg ein Waisenknabe ist.

 

 

 

Das Hypothek-Spiel gegen Ahmsen

 

Lasst uns doch etwas genauer auf die Aufstiegssaison blicken. Damals coachten bekanntlich Sen und Akcay den Verein, stiegen mit diesem in der Spielzeit 2011/12 auf. Die Tormaschine rotierte unaufhörlich, knallte sagenhafte 115 Tore. Yeldan sagt mit rund einem Jahrzehnt Abstand. „Das hat damals alles gut geklappt. Es kamen viele Zuschauer, es gab einen Ruck durch den Verein. Wir konnten zocken, haben viele Spiele gedreht. Das war eine tolle Saison.“ Basokur erzielte 35 Treffer, Serkan Erdem langte 19 Mal zu. Die Technik war weit ausgereift, der Kampfgeist nicht weniger. Koryphäen wie Erkan und Ercan Erdem (Bild links) bewiesen großartige Qualitäten. Sie waren ganz große Stützen, haben eine überragende Saison gespielt. Auf die beiden durften wir nicht verzichten. Da hat man gesehen, was für ein Potenzial sie gehabt haben, lobt Yeldan das Brüder-Duo. Diese Qualitäten waren auch dringend erforderlich, las sich die Meistersaison reich an Höhepunkten. Drei Partien wollen wir ein besonderes Augenmerk schenken. Der TuS Ahmsen war lange Zeit oben sehr gut mit dabei. Es kam zum Aufeinandertreffen in der Ahmser Werrekampfbahn. Das Drehbuch bot ganz viel Dramatik, Baby. Was für ein Wahnsinn. Yeldan hat sich nach einer Viertelstunde einen Muskelfaserriss zugezogen, musste somit früh seinen Dienst quittieren. Nur 60 Sekunden danach kassierte Volkan Erdem (Bild rechts) die rote Karte. Schlimmer konnte es nicht kommen. Mitnichten, denn wenig später traf Ahmsen sogar zur Führung. Sie haben die Rechnung wohl ohne Dincer Delen gemacht, der für Yeldan das Spiel seines Lebens machte. So viel ist er noch nie gelaufen. Er ist für zwei, drei Mann gelaufen, staunt Yusuf Yeldan nicht schlecht. Delens Technik war eine Augenweide. Er lief zugleich schnell und ausdauernd, zudem meist die richtigen Wege auf dem Spielfeld. Seine Spielintelligenz war herausragend, sein Gefühl für Raum und Zeit ebenso. Er egalisierte. Auch „Zico“, wie Serkan Erdem gerne genannt wird, traf – zum frenetisch gefeierten 2:1-Siegtreffer. Der Rest war eine puristische Freude über diesen Sieg gegen einen direkten Konkurrenten. Wir führen uns noch einmal die enormen Hypotheken vor Augen, denn Yunus kickte mit nur zehn Spielern, lief zeitig einem Rückstand hinterher, musste zudem den verletzungsbedingten Ausfall vom Mittelfeld-Antreiber Yusuf Yeldan kompensieren.

 

 

 

Freude über Yeldan-Traumtor währt nur kurz

 

Apropos direkte Konkurrenten. Auch der TuS RW Grastrup/Retzen stand oben. Die Rot-Weißen genossen das Privileg der Spielfreiheit, als Yunus in der Kurstadt gastierte – beim Spitzenteam SC Bad Salzuflen II an der Waldstraße. Auch in dieser Begegnung lief Yunus lange Zeit einem Rückstand hinterher, glich fünf Minuten vor dem Seitenwechsel jedoch aus. „Wir haben auf ein Tor gespielt, haben nicht oft genug getroffen“, nörgelt Yusuf Yeldan, der in der 85. Minute per Traumtor den Siegtreffer erzielte. Per Fallrückzieher, oh, wie schön kann der Fußball bitteschön nur sein. Wäre es bei dieser Führung tatsächlich geblieben, dann hätte Yunus den Aufstieg schon vorzeitig eingetütet. Ein Endspiel gegen den Verfolger aus Grastrup/Retzen wäre vermieden worden. Die Freude genoss allerdings nur eine flüchtige Haltbarkeitsdauer, denn in der Nachspielzeit knallte ein Badse II-Akteur die Kugel direkt in den Giebel. Was für ein unglaublicher Dampfhammer. Yunus-Fänger Eyigün (Bild rechts) bekam nur Nackenstarre, sah traurig hinterher. Wir haben es klingeln gehört, lacht Yeldan. Die Yunus-Spieler zogen Gesichter, als hätten sie einen kräftigen Schluck Bitter Lemon konsumiert. Der Familienvater räumt ein: „Der Frust war da. Wir wussten, wir packen das, haben so viele Rückschläge wettgemacht, weil wir Qualität hatten. Bei uns waren wirklich alle wichtig. Wir waren ein super Team.“ Dieses musste sich zum großen Finale um das A-Liga-Ticket mit Grastrup/Retzen auf der heimischen West-Alm messen.

 

 

 

„Es war wohl die gute TBV-Schule

 

Hitchcock führte offenbar Regie, als im finalen Saisonspiel der Verfolger aus Grastrup/Retzen Yunus einen Besuch abstattete. Das Hinspiel endete furios mit einem imposanten 4:4. Drei Punkte standen die Hausherren vor dem Gast. Wenn der Herausforderer gewänne, hätte es ein Entscheidungsspiel gegeben.
Zeitzeugen berichten von rund 500 Zuschauern, die die West-Alm in einen grün-weißen Hexenkessel verwandelten. Yunus war on fire, hatte Bock auf den Aufstieg. Die Zuschauer waren verkleidet, geschminkt. Alles war auf den Aufstieg ausgerichtet. Was für ein Volksfest-Charakter. Die Trommeln gaben lautstark den Rhythmus vor. Die Menge tobte, johlte, kochte und jubelte. „Auf dem Spielfeld kam es mir vor, als wenn noch mehr Zuschauer da gewesen wären“, verrät ein emotionaler Yusuf Yeldan bei Lippe-Kick. Die Spannung war greifbar, doch Yunus Lemgo wollte keine Nervenschlacht, sorgte für den kurzen Prozess. Yeldan machte vor dem 1:0 die Servicekraft, tankte sich an der rechten Angriffsseite durch, flankte scharf vor das gegnerische Gehäuse. Dort lauerte Basokur, von dessen Knie die Kugel ins Netz flog. Das zweite und dritte Tor folgten. Der Rest war eine riesengroße Yunus-Party. Wir haben nicht einen Tag daran gezweifelt, dass wir nicht Meister werden. Wir wussten, dass wir gut sind, die nötige Qualität hatten. Es war wohl die gute TBV-Schule, lacht Yusuf Yeldan. Zurück zum TBV Lemgo. Dort, wo alles begann. Kommt da nicht ein wenig Wehmut auf, wenn der Heimatverein verlassen wird? Yeldan gewährt Lippe-Kick einen Einblick in die eigene Gefühlswelt: „Es war schwer, den TBV zu verlassen. Der Verein liegt mir sehr am Herzen. Ich bin dankbar. Immerhin war ich doch knapp ein Vierteljahrhundert im Verein. Die ganze Jugend war ich dort.“ Bereits als A-Jugend-Kicker durfte Yeldan Bezirksliga-Luft schnuppern. Bekanntlich spielte der TBV Lemgo dort bereits zwischen 2010 und 2013. Was für tolle Erlebnisse. Die erlebte er natürlich auch in seiner Zeit bei Yunus Lemgo.

 

 

Gründe für den Systemabsturz

 

Als Yunus 2012 endlich das Ziel aller Träume erreicht hatte, gesellte sich ein Ausnahmekönner wie Volkan Turp (Bild links) hinzu, der in der Spielzeit 2012/13 für die Delphine kickte, wie der Spitzname von Yunus Lemgo war und ist. Im ersten Jahr gab es einen 13. Platz und somit den Klassenerhalt. Zunächst coachte Metin Turp bis zur Winterpause, dann übernahmen Kenan Sayan als Spielertrainer und Esin Kocaaga an der Seitenlinie. Dieses Duo erreichte in der ersten Saison den gewünschten Klassenerhalt (siehe https://www.lippe-kick.de/tabelle/kreisliga-a-lemgo-2012-2013/). Yunus rutschte im zweiten Jahr auf den 16. Rang (siehe die historischen Tabellen https://www.lippe-kick.de/mannschaft/yunus-lemgo/). Somit stand der Abstieg nach zwei Spielzeiten fest. Warum kam es denn in der Spielzeit 2013/14 zum kompletten Systemabsturz? „Einige haben aus zeitlichen Gründen aufgehört. Bei vielen war der Trainingsrückstand zu groß. Da sie arbeiten mussten, sich einen neuen Arbeitgeber gesucht oder eine Familie gründeten, blieb kaum noch Zeit für Training.“ Mit Ikram Ugran, dem Abstiegstrainer, zeigt er Mitleid, wenn er zugibt: „Es lief nicht gut für ihn. Er hatte nicht viel Spielermaterial zum Arbeiten.“

 

 

„Der Verein will sich in der Kreisliga B etablieren“

 

 

So ging es ab der Spielzeit 2014/15 wieder im Lemgoer Kreisunterhaus weiter. Es folgte der abermalige Abstieg, dieses Mal sogar in die C-Klasse. Besonderes Lob muss den Erdem-Brüdern Ercan und Erkan gezollt werden, die mit einer gehörigen Portion an Herzblut den Verein vor dem Waterloo bewahrten. Kurt findet: „Der Abstieg in die Kreisliga C war zu dem Zeitpunkt vielleicht das Beste, denn es musste ein Neuaufbau her.“ Ab der Spielzeit 2016/17 gab es so manche Comebacks von einigen altbekannten Akteuren, stiegen diese mit Ercan Erdem und Cüneyt Kurt als spielende Trainer in die B-Klasse auf. Zwischen 2017 und 2020 gelang jeweils der Einlauf auf einem zweistelligen Tabellenplatz, was den Klassenerhalt bedeutete. Einen echten Traumstart erlebte Yunus Lemgo unter Coach Mehmet Anat in der Spielzeit 2020/21. Nach einem 3:1-Derby-Sieg beim SC St. Pauli wurde der Aufsteiger SV Wüsten II mit 2:1 und auch der FC Union Entrup mit 6:3 bezwungen. In den folgenden vier Partien gab es allerdings ausschließlich Niederlagen, ehe die erneute Corona-Zwangspause dazwischen grätschte. Die Kaderqualität hat sich in der derzeit laufenden Winterpause weiter verbessert, mit den Verpflichtungen der beiden fußballerisch bevorteilten Tolga Pulat und Sehmus Tümenci. Cüneyt Kurt diktiert Lippe-Kick in den Notizblock: „Mit langsamen und sicheren Schritten will der Verein sich oben in der Kreisliga B etablieren. Was danach noch kommen könnte, steht in den Sternen. Wieso nicht irgendwann wieder in der Kreisliga A spielen? Eine unvergessliche Saison mit einer Meisterschaft ohne Niederlage wie in der Saison 2011/12 möchte wahrscheinlich jeder Spieler einmal erleben“, wird dies vielleicht eines Tages in Erfüllung gehen.

 

 

 

 

KFZ Rothbauer

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