Connect with us

Interviews

TV Herkenrath – Coach Burhenne im Gespräch

Als Außenseiter geht der TV Herkenrath in seine erste Regionalliga-Spielzeit. Coach Burhenne sagt im Lippe-Kick-Gespräch, worauf es ankommt.

„Du bestimmst selbst, wie stark dein Gegner ist“

Regionalliga West (hk). Für den TV Herkenrath ist Trainer Chris Burhenne wie ein Sechser im Lotto gewesen. Mit einer Hypothek von sieben Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter FC Hennef 05 ging der Vorortverein aus Bergisch Gladbach in die Schlussphase der jüngsten Oberliga Mittelrhein-Saison. Am Ende stieg der TVH mit drei Zählern Bonus auf. Wie wichtig dem 50-Jährigen die Aufgabe ist, wird klar, wenn man auf die Wegstrecke blickt, die der Niederländer zu jedem Training und Spiel zurücklegt. 150 Kilometer ist er von seinem Wohnort – er lebt in Eindhoven – per einfacher Fahrt unterwegs, um seiner Leidenschaft zu frönen und die Grundlage für den Klassenerhalt mit dem Aufsteiger zu legen. Im Gespräch mit Lippe-Kick-Reporter Henning Klefisch offenbart er, dass seine Spieler von Worten wie „Restdefensive“ und „gezielt herausköpfen“ zum ersten Mal von ihm gehört haben. Auch ist für ihn klar: „Du bestimmst selbst, wie stark dein Gegner ist.“ Der Auftakt in die neue Serie ist ansprechend. Nach je einem Sieg und einer Niederlage rangieren die Herkenrather als bester Aufsteiger an siebter Stelle.

 

Lippe-Kick: Zum ersten Mal in der mehr als hundertjährigen Historie spielt der TV Herkenrath in der viertklassigen Regionalliga West. Wie groß ist die Vorfreude auf die neue Herausforderung?

Burhenne: „Die neue Liga ist schön für die Jungs. Ich habe das als Trainer schon alles erlebt. So etwas vergisst man nie. Das ist das, was man will. Zum Auftakt in Wuppertal spielen wir direkt vor 10.000 Zuschauern. Auch in Essen und Aachen gibt es schöne Stadien. Ich habe meinen Jungs das auch immer stets gesagt: Was wollt Ihr nächstes Jahr: In Freialdenhoven oder Siegburg oder wollt ihr gegen Aachen oder Essen spielen?

Lippe-Kick: Was können Sie zu den Testspielen sagen?

Burhenne: „Insgesamt hat das gut geklappt. Es gab ein bisschen Unruhe durch die Zugänge und Abgänge. Ich habe aber definitiv erkannt, dass viele Spieler einen Schritt nach vorne gemacht haben. Auch Dinge, die ich sehen will und Dinge, die ich nicht sehen will. Das ist die Entwicklung. Wir wollen kein Meister der Vorbereitung sein, sondern in der Meisterschaft unsere Ziele erreichen.“

Lippe-Kick: Können Sie uns bitte einige Aussagen zu den Neuzugängen, zum Trainingsbetrieb liefern?

Burhenne: „Alle Jungs, die wir verpflichtet haben, sind ein Gewinn für die Mannschaft. Sie sind erwachsener als Mannschaft geworden, was man auch im Training sieht. Das ist das, was wir wollten. Wir haben vorher analysiert, welche Art von Spielern wir benötigen. Die haben wir gezielt verpflichtet. Wir haben gute neue Spieler geholt. Deshalb wird die ganze Truppe besser. Das ist ein Pluspunkt. Wir machen mehr Krafttraining, trainieren intensiver.“

Lippe-Kick: Wie läuft beim TVH das Scouting ab? Nach unserem Kenntnisstand werden viele Spieler aus der Region verpflichtet.

Burhenne: „Die Kontakte sind da. Die Spiele der Gegner werden angeschaut. Wir bereiten uns akribisch auf die Aufgaben vor, sehen dadurch auch interessante Spieler.“

Lippe-Kick: Gibt es eine Veränderung vom Spielsystem in der neuen Liga?

Burhenne: „Ich bin ein Trainer, der sich auf die eigenen Stärken konzentriert. Ich passe mich nicht an. Zu meinen Spielern sage ich immer: Du bestimmst selbst, wie stark dein Gegner ist. Wenn der Gegner auf dem Boden liegt, liegen lassen. Wenn du ihm eine Chance gibst, dass er aufsteht, „steckt er dir ein Messer in den Rücken.“ Ich bin überzeugt davon, dass wir unsere Ziele erreichen, wenn wir alles geben. Wir haben einen großen Traum. Wenn man einen Traum hat, wollen wir alles dafür tun, diesen zu realisieren. Wir wollen agieren, nicht reagieren.“

Lippe-Kick: Welche Inhalte haben Sie von der Fußball-WM in Russland mitgenommen?

Burhenne: „Sicherlich kann ich einige taktische Varianten übertragen. Ich habe aber viel mit meiner eigenen Mannschaft zu tun, mit den eigenen Qualitäten von den Jungs. Ich möchte so viel wie möglich den Ball im Spiel haben. Egal, ob es gegen Wuppertal oder Kaan-Marienborn ist. Das ist mir nicht wichtig. Ich will immer Pressing spielen, früh situationsbedingt pressen. Das bestimmt das Spiel, jedes Spiel ist anders. Ich gehe immer von der eigenen Kraft aus. Das gibt den Spielern das meiste Vertrauen. Das ist bereits der achte Aufstieg für mich als Trainer. Ich habe bereits bei mehreren Profivereinen gearbeitet. Ich möchte meine Erfahrungen auf die Spieler übertragen, dass die Spieler ein gutes Gefühl haben. Es ist auch immer wichtig, dass man Mensch ist. Wenn ich merke, dass da zwei Spieler im Kader sind, die meinen Weg nicht mitgehen, dann kannst du diese nie in die Mannschaft integrieren. Man muss ein Team sein. In der Kabine kann man die Wahrheit sagen, aber wenn man rausgeht, muss man eine Mannschaft sein. Das ist für mich wichtig, habe es vom ersten Tag so vorgelebt. Das haben die Jungs direkt aufgenommen, zeigen eine enorme Spielfreude, gehen gut miteinander um. Zuletzt sind wir zusammen essen gegangen. Alle Spieler waren da.“

Lippe-Kick: Inwiefern kann aus der Euphorie heraus erfolgreich gekickt werden?

Burhenne: „Ich denke, dass uns viele Mannschaften unterschätzen. Sie sollten uns auf der Rechnung haben. Wenn sie gegen uns gewinnen wollen, müssen sie alles geben. Das Spiel bestimmt, ob unsere Spieler individuell stark sein können. Kreativität, Effektivität und Torgefährlichkeit sind Punkte, ob man gewinnt oder nicht.“

Lippe-Kick: Gibt es für Sie ein Vorbild in der Trainerbranche oder sind Sie ihr eigenes Vorbild?

Burhenne: „Ich habe Respekt vor allen Kollegen, aber Jürgen Klopp gefällt mir sehr gut. Er ist ein Mann mit Ehrgeiz und er holt alles raus aus der Mannschaft. Er gewinnt nur ein paar Endspiele nicht. Du bekommst immer das, was du verdienst. Qualität selektiert sich immer von selbst. Ich sage den Jungs Sachen, da haben sie noch nie von gehört. Über Restdefensive oder gezielt herausköpfen. Im eigenen Strafraum muss man Millimeter genau decken. Da kommt es auf Details an. Wir müssen schlau mit dem Ballbesitz umgehen, auf Fehler warten, schnell umschalten, viele schnelle Bälle spielen. Wir spielen auswärts genauso wie zu Hause. Ich gehe immer von der eigenen Kraft aus. Wir wollen so viel wie möglich den Ball haben. Dann wollen wir Fußball spielen, so schnell wie möglich Tiefe entwickeln.“

Lippe-Kick: Das jüngste Weltturnier hat zuletzt einige Neuheiten gezeigt. Inwiefern werden Standards speziell geübt?

Burhenne: „Das ist auch ein ganz wichtiger Bestandteil. Eckstöße werden von uns gezielt trainiert, damit wir ein paar Varianten haben. Unabhängig von den fußballerischen Komponenten bin ich ein sehr harter Trainer, bin aber immer auch Mensch. Mir geht es auch um das Wohlergehen des Spielers. Ich frage mal nach: Wie geht es zu Hause? Wenn Du Probleme hast, komme immer zu mir, dann helfe ich dir.“

Lippe-Kick: Der Klassenerhalt ist das große Ziel für euch?

Burhenne: „Ja, klar. Im Laufe der Saison schauen wir, ob wir das Ziel beibehalten können. Ich bin davon überzeugt, dass wir das schaffen können. Dieses Jahr steigen nur drei Teams ab. Ich bin der Auffassung, dass wir drei Teams unter uns halten können. Dann haben wir wieder einen richtigen Schritt nach vorne gemacht. Im Laufe der Jahre, auch mit dem Stadion in Bergisch Gladbach, glaube ich, dass wir einen vernünftigen Regionalligisten hier aufbauen kann. Dafür muss mehr Struktur in den Verein kommen. Alle Positionen müssen gut besetzt werden. Jeder hat seine Rolle.“

Lippe-Kick: Auffällig sind die vielen Verletzungen, selbst bei Profivereinen. Wie ist das bei Ihnen?

Burhenne: „Ich habe sehr viele Verletzte mit Muskelverletzungen. Dafür trainiere ich immer Muskelaufbau. Meine Spieler werden immer fitter. Meine Jungs sagen: Wir haben noch nie so hart trainiert, sind aber topfit. Wenn es verletzte Spieler gibt, sind es immer Prellungen oder einmal einen Nasenbeinbruch.“

Lippe-Kick: Auffällig ist bei vielen Vereinen, auch bei einem Ex-Weltklassespieler wie Miroslav Klose, dass Gymnastik beliebt ist. Ihre Einschätzung?

Burhenne: „Ich bin kein Fan davon. Fußball ist ein explosiver Sport. Wenn man viel dehnt, dann ist das nicht gut für die Muskeln. Diese müssen explosiv sein. Man muss viele Sprints und Drehungen durchführen. Jeder Spieler darf das aber selbst bestimmen. Wenn ein Spieler sich beim Yoga gut fühlt, ist das für mich okay.“

Lippe-Kick bedankt sich für das Interview und wünscht eine erfolgreiche Saison in der neuen Spielklasse.

More in Interviews

%d Bloggern gefällt das: